Parteien

Jusos bringen Merkel aus dem Konzept

Der Wahlkampfauftakt der Kanzlerin geht schief

Es hätte so schön werden können. Ein schmucker Marktplatz mit Fachwerk, Geranien und Rockband, 1000 gut gelaunte Zuschauer, die brav „Angie“-Schilder schwenken: Feierlaune bei der CDU von Seligenstadt, einem uralten Örtchen in Südhessen und Heimat von Persönlichkeiten wie dem Opulent-Model Gina-Lisa Lohfink. Doch dann lief der Wahltourneeauftakt von CDU-Chefin Angela Merkel am Mittwochabend plötzlich aus der Spur. Schuld war ein Mini-Grüppchen südhessischer Jusos, zwei Dutzend junge Leute nur, die sich mit Banner („Freiheit statt Überwachung“), roten Brillen und eben auch Trillerpfeifen in Stellung gebracht hatten. Sie ließen die Rede der im Hubschrauber herbeitransportierten Kanzlerin in einem Störfeuer schriller Pfiffe, kreischender Ratschen und Buhrufen untergehen. Und das, obwohl es unter den demokratischen Parteien Usus ist, sich nicht auf Veranstaltungen zu stören.

Vor allem die skandierten Rufe brachten die Kanzlerin sichtlich aus dem Konzept. Sie sprach langsamer, abgehackter als sonst, ihre Rede wollte nicht so recht in Fluss kommen. Und ihr Mienenspiel verrät in der Regel ohnehin, was in ihr vorgeht: „Heuchlerin“, „Lüge“, „asozial“, „Merkel weg“ – gegen solche Töne anreden zu müssen war nicht das, was sich die CDU-Chefin unter einem perfekten Tourneeauftakt vorgestellt hatte. Merkel pries dennoch tapfer die deutsche Wirtschaftskraft, die geringe Jugendarbeitslosigkeit, die Investitionen in Bildung und Forschung. „Was ist wichtiger, nur noch drei Millionen Arbeitslose oder dass wir donnerstags kein Fleisch essen?“, stichelte sie gegen die Grünen. Und warf dem Gegner vor, die Neiddebatte nur weiter zu befeuern: „Wenn in diesem Land jemand erfolgreich ist, fragt Rot-Grün als Erstes: Was kann ich dem noch wegnehmen?“

Zuvor hatte es eine Aufwärmrunde gegeben. Ein Moderator versuchte, Merkel und Hessens CDU-Spitzenkandidaten Volker Bouffier zum Plaudern über weltbewegende Dinge wie Fußball zu bringen und es menscheln zu lassen. Die von den Pfiffen genervte Kanzlerin erzählte ungefragt lieber eine „Anekdote“: dass nämlich die Jusos die Feier zu 150 Jahren SPD vor dem Brandenburger Tor boykottierten, weil sie „Deutschlandfest“ heiße. „Das ist die Zukunft der SPD. Dafür sind sie dann hier und schreien herum“, sagte Merkel und holte sich Beifall ihrer Fans ab.