Konflikt

Wohin steuert Ägypten?

Nationale Einheit, Diktatur, Bürgerkrieg: Der Ausgang des Machtkampfes in Ägypten ist vollkommen offen. Drei Szenarien

Ägypten ist nach der gewaltsamen Räumung der islamistischen Protestlager in Schockstarre. Während das Entsetzen über das Blutvergießen mit mindestens 638 Todesopfern noch anhält, rüsten sich die ägyptischen Sicherheitskräfte bereits gegen neue Massenproteste der Muslimbruderschaft. Hunderte Anhänger der Islamisten haben am Donnerstag ein Regierungsgebäude gestürmt und Feuer entfacht, für Freitag sind weitere Protestmärsche angekündigt. Von Versöhnung spricht derzeit in Kairo niemand mehr, die Zeichen stehen auf Gewalt. Wie geht es weiter am Nil? Die Berliner Morgenpost stellt drei mögliche Szenarien vor.

Szenario eins: Einheitsregierung

Die Aussichten auf eine Annäherung der Konfliktparteien schwinden, die Spaltung in Ägypten verschärft sich von Stunde zu Stunde. Für eine politische Lösung am Verhandlungstisch müssten die Konfliktparteien sich zunächst einmal an diesen begeben. Bisher lehnten die Muslimbrüder die Beteiligung an einer Einheitsregierung, wie sie beispielsweise als Modell in Tunesien gewählt wurde, strikt ab. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Kooperationsbereitschaft der Islamisten nach der gewaltsamen Räumung der Protestlager gestiegen ist. Im Gegenteil: Am Donnerstag erklärte ein Sprecher der Muslimbrüder, die Bewegung werde sich im Machtkampf mit dem ägyptischen Militär nicht geschlagen geben. Man werde nicht eher ruhen, bis der „Militärputsch“ der Vergangenheit angehöre. Damit haben die Muslimbrüder ihre Kampfansage nach dem Blutbad wiederholt: kein Einlenken und kein Weichen, bis der in ihren Augen legitime Präsident Ägyptens, Mohammed Mursi, wieder an die Macht zurückkehrt. Mit einer Aufspaltung der islamistischen Bewegung ist nicht zu rechnen. In den Jahrzehnten, in denen die Partei unter der Herrschaft Husni Mubaraks verboten und dadurch in den Untergrund gedrängt worden war, bildete sich eine quasimilitärische Struktur heraus. Die Hierarchie ist straff organisiert und wird auch nicht infrage gestellt. Mit anderen Worten: Wenn die Führung die Marschrichtung vorgibt, folgen die Muslimbrüder treu. Auch das Einlenken der Salafisten in Ägypten ändert daran nichts. Die zweitgrößte islamistische Gruppierung des Landes, die Nur-Partei, hatte ihren Widerstand aufgegeben und die Mitarbeit an einer neuen Verfassung angekündigt. Damit mögen die Muslimbrüder in ihrer Opposition zwar isoliert sein, aber die Bewegung hat eine mächtige Basis. Experten gehen von einem Rückhalt in der Bevölkerung zwischen 20 und 30 Prozent aus.

Szenario zwei: Militärdiktatur

Die ägyptischen Streitkräfte bilden – neben der Muslimbruderschaft – die einzig wirklich durchstrukturierte, stabile und intakte Größe im ägyptischen Chaos. Zudem hat die Armee einen guten Ruf, wird als Partner der eher moderaten, reformorientierten Kräfte angesehen. Doch die Armee kennt keine Freunde, sie kennt eigentlich nur ihre eigenen Interessen. Ägypten hat eine lange Tradition von Herrschern, die aus dem Militärapparat kamen. Nach der Revolution von 1952 ging König Faruq ins Exil. Am 18. Juni 1953 wurde die Republik Ägypten ausgerufen, der Revolutionäre Kommandorat übernahm das politische Kommando. Die Geschichte der jungen Republik wurde zunächst von General Ali Muhammad Nagib, anschließend von Oberst Gamal Abdel Nasser (1954–1970) bestimmt. Nach dem Tod Nassers 1970 wurde Vizepräsident Anwar al-Sadat Staatspräsident, vormals Leutnant der Infanterie, aber insofern eine Ausnahme in der Riege der ägyptischen Führer, als er 1977 die politische Annäherung an den Erzfeind Israel suchte, was in einen Friedensvertrag mündete und ihm – gemeinsam mit Israels Premier Menachem Begin – 1978 den Friedensnobelpreis bescherte. Nach dem Attentat auf Sadat 1981 übernahm Luftwaffengeneral Husni Mubarak die autokratische Führung des Landes, von 1982 bis zu seinem Sturz 2011 mithilfe von Notstandsgesetzen. In all dieser Zeit hat das ägyptische Offizierskorps seine Pfründen gesichert.

Vetternwirtschaft, Nepotismus, Korruption: Das Geflecht aktiver und pensionierter Militärs durchdringt die gesamte ägyptische Wirtschaft mit hochkarätigen Unternehmensbeteiligungen, vor allem in lukrativen Zweigen wie Tourismus, Schifffahrt und Industrie. Das Militär verfolgt seine volkswirtschaftlichen Interessen, und dazu braucht es vor allem eines: Ruhe. Der neue starke Mann, General Abdel Fattah al-Sisi, geriert sich als Freund des Volkes und Retter der Revolution, doch auch er wird vor allem seine Kameraden-Klientel bedienen.

Szenario drei: Bürgerkrieg

Ägypten war in den letzten Jahrzehnten zwar eine Militärdiktatur, aber auch eines der stabilsten Länder der arabischen Welt. Dass der sogenannte arabische Frühling nach Tunesien gerade hier so durchgreifende Folgen hatte, lag auch daran, dass die ägyptische Gesellschaft vergleichsweise homogen und modern ist. Sie zerfällt nicht in Stämme und Sekten wie die Gesellschaft in Syrien oder im Irak. Hier gibt es Ansätze einer Industriegesellschaft, alteingesessene Massenmedien, politische Parteien mit einer traditionellen Basis.

Kann so ein Staat eigentlich scheitern? Ja. Denn schon als sich diese Gesellschaft entwickelte, gehörte ein latenter Bürgerkrieg zu ihrer Normalität, und er entzündete sich immer wieder an den Muslimbrüdern. Deren Gründer Hassan al-Banna war ein Paradebeispiel dafür, wie sich gerade in einer modernen Gesellschaft rückwärtsgewandte Radikalismen verbreiten können. In den Anfangsjahren prägten sie die ägyptische Politik vor allem mit Mordanschlägen und Ausschreitungen.

Wenn das Land den Weg in den Bürgerkrieg einmal einschlägt, dann könnte es besonders schwer werden, es dem Terror wieder zu entreißen: Gerade weil in Ägypten keine Stammesfürsten oder dominierenden Geistlichen ganze Volksgruppen beherrschen, könnte ein Kompromiss für den inneren Frieden, wie er 2007 im Irak gelang, schwierig werden. Dann entstünde ein zweites Afghanistan wenige Hundert Kilometer von den europäischen Küsten entfernt und entlang der wichtigsten Schifffahrts- und Öltransportrouten der Erde. Das wäre ein globaler Notfall.