Geschichte

Warum die Briten an Gibraltar hängen

Felsen als Überbleibsel des Empire hat große Symbolkraft

Als Beatrix einen ihrer letzten großen Auftritte als Königin in Utrecht absolvierte, sorgte das hierzulande eher für Kopfschütteln. Denn der Anlass, der 300. Jahrestag des Friedens von Utrecht im Jahr 1713, ist allenfalls Freunden der Barockmusik noch geläufig. Schließlich komponierte Georg Friedrich Händel damals sein „Utrechter Te Deum“. England berauschte sich seinerzeit an dem Friedensschluss, der den Spanischen Erbfolgekrieg einer Koalition gegen das Frankreich Ludwigs XIV. beendete. Neben Menorca und dem Monopol für den Sklavenhandel mit den spanischen Kolonien in Amerika gewann es Gibraltar.

Man muss also drei Jahrhunderte zurückgehen, um die Verbindungen zwischen Großbritannien und dem 6,5 Quadratkilometer großen Felsen an der Südwestspitze Europas zu verstehen, der gerade einmal von 28.700 Menschen bewohnt ist. Seitdem sind immer wieder britische Flotten aufgebrochen, um den Besitzanspruch Englands über diese Insel mit Macht zu dokumentieren. Bis in dieser Woche mittlerweile vier Schiffe der Royal Navy Kurs auf Gibraltar genommen haben.

Damit will London einmal mehr gegenüber Spanien deutlich machen, „dass wir kein Auge zudrücken, wenn die Menschen in Gibraltar bedroht oder unter Druck gesetzt werden“, wie es Europaminister David Lidington formuliert. Es geht vorgeblich um Fischereirechte und verschärfte Kontrollen gegen illegale Einwanderer. Tatsächlich aber ist der Union Jack über Gibraltar für Spanien seit 300 Jahren eine Provokation, die zu zahlreichen Kriegen geführt hat. Umgekehrt fühlt sich Großbritannien schon durch die Ankündigung aus Madrid alarmiert, man werde über die Frage der letzten britischen Kolonien das Gespräch mit Argentinien suchen, das seinerseits Ansprüche auf die britischen Falklandinseln erhebt.

Der Streit um Gibraltar dreht sich nicht nur um die Rechte seiner Bewohner und ihr Treuebekenntnis zu Großbritannien und seinem Sozialstaat. Es geht – in anderen Dimensionen als bei den Falklands – um die Identität Englands und der „britischen“ Nation. Im 19. Jahrhundert zählte der liberale Premier William Gladstone Gibraltar neben der Straße von Suez und den türkischen Meerengen zu den essenziellen Positionen des Empire. Von diesen ist nichts mehr geblieben außer dem Felsen, was genug über seine Symbolkraft aussagt.