Abschied

Zweimal Nachfolger von Erich Honecker

Früherer Linke-Chef Lothar Bisky ist tot. Der Mann, der freiwillig in die DDR kam, wurde 71 Jahre

Die kleine, nur in Fachkreisen wahrgenommene Sensation stand in der Propaganda-Broschüre „nl konkret“ (Untertitel: „Wissenswertes für junge Leute“). In der 1984er-Ausgabe „The show must go on. Unterhaltung am Konzernkabel“ überraschte der SED-Medienwissenschaftler Lothar Bisky mit der Erkenntnis, dass die amerikanische TV-Serie „Dallas“ eigentlich ganz passabel geraten sei.

Die Saga von der Southfork-Ranch um J. R. Ewing sei ein Musterbeispiel nicht aufdringlicher, unterhaltsamer und handwerklich gut gemachter Unterhaltungsproduktion. Die Handlung sei zwar teilweise langweilig, die Konflikte oft harmlos. Dennoch lobte Dr. sc. phil. habil. Bisky das Vermögen der „Dallas“-Autoren, die Zuschauer auch nach Dutzenden Folgen immer wieder zum Einschalten zu gewinnen.

Man horchte auf in der kleinen DDR: Da wurde ein Werk der imperialistischen Meinungsmanipulation auf halbamtlichem Papier nicht in Bausch und Bogen verdammt. Karl-Eduard von Schnitzler („Der Schwarze Kanal“) hätte das so nicht gesagt. Was war da los?

Lothar Bisky war im SED-Reich ein unter Artenschutz stehender grau-bunter Vogel. Ein ambivalenter Typ, auf Linie, aber im Rahmen der Möglichkeiten auf leichten Abwegen, ohne Grenzen zu überschreiten. 1941 in Pommern geboren, in Schleswig-Holstein aufgewachsen und aus „Abenteuerlust“ 1959 in die DDR gewechselt.

Seit 1963 SED-Mitglied, arbeitete er als Kultur-, später Medienwissenschaftler. Spätestens nach seiner Berufung zum Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam zeigte er Format: Er setzte sich für unangepasste Studenten ein, bewahrte sie vor Strafen.

Gleichwohl: 1995 tauchte eine Stasi-Akte seiner Frau auf, die darauf schließen ließ, dass Bisky als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi geführt wurde. Bisky bestritt dies vehement und begründete eventuelle Aktennotizen mit den für seine hohe Position „üblichen Kontakten“ zu Erich Mielkes Schnüffeldienst.

Kettenrauchender Marxist

Bei der legendären Demonstration der 500.000 auf dem Alexanderplatz erhielt er, der SED-Mann, Applaus für seine Forderung an Amtsträger, sich einem Vertrauensvotum zu stellen. Er hatte dies selbst an seiner Hochschule getan – und das Vertrauen erhalten. Er plädierte für einen Fortbestand der DDR, die sich demokratisch reformieren müsse – und fand sich wenige Tage später im Vorstand der SED/PDS wieder.

1993 bis 2000 und 2007 bis 2010 war er, der kettenrauchende Marxist und Reformkommunist, Vorsitzender der PDS beziehungsweise der Linkspartei. Damit war er quasi zweimal Nachfolger Erich Honeckers. Einmal als Parteivorsitzender, ein zweites Mal – wie er gern erzählte – 1981 bei der Eröffnung des Gewandhauses in Leipzig: Bisky kam viel zu spät und fuhr mit seinem klapprigen Trabant unmittelbar hinter der Generalsekretärs-Limousine vor.

Als Parteichef war Bisky Teil eines clever arbeitsteilig agierenden Polit-Triumvirats, dessen Leistung vor allem darin bestand, die Nachfolgepartei der SED zusammen- und in den Parlamenten der Bundesrepublik zu halten: André Brie, der Vordenker und Intellektuelle, Gregor Gysi, der rhetorisch brillante Ost-Clown für die Talkshows, und der bodenständige, die Scheinwerfer scheuende Lederjackenträger Bisky, ein Mann, der auch der linken Sozialdemokratie hätte angehören können, wenn er denn bereit gewesen wäre, sich von seinen politischen Wurzeln zu lösen.

Aber das war er nicht. Auch nicht, als ihm extreme Strömungen in der PDS wie die Salon-Bolschewisten von der Kommunistischen Plattform mit der jungen Sahra Wagenknecht zusetzten, er in den 90er-Jahren in Auseinandersetzungen mit westdeutschen Sektierern verwickelt wurde, die es immer schon besser wussten, wie das mit dem Kommunismus noch klappen wird. Wer ihn damals beobachtete, sah einen Vorsitzenden, der an seiner Partei schwer litt, der aber nicht von ihr lassen konnte. Eher steckte er sich noch eine filterlose „Karo“ an und grantelte.

Dem Erfolg bei der Bundestagswahl 2005, als sich die gesamtdeutsch formierende Linke 8,7 Prozent holte, folgte bald die größte Niederlage seiner Karriere: Nach der Konstituierung des Bundestages wollte Bisky Vizepräsident des Parlaments werden, scheiterte aber viermal am Widerstand aus den anderen Parteien. Resigniert zog er seine Kandidatur zurück; schließlich wurde Petra Pau für die Linksfraktion Vizepräsidentin im Bundestag. Bisky–ein Mann, der selbst niemandem wehtun will – war tief getroffen. Am Ende seiner Karriere wechselte Bisky in die Europapolitik. Im März trat er als Fraktionschef der Linken im Europaparlament zurück. Aus gesundheitlichen Gründen.

Am 13. August, dem Mauerbau-Jahrestag, ist Lothar Bisky gestorben. Er wurde 71 Jahre alt. Am vergangenen Freitag soll er nach Informationen der Berliner Morgenpost in seinem Haus in Schildau in Sachsen gestürzt sein. Er erlag im Krankenhaus offenbar seinen Verletzungen, heißt es in Kreisen der Linkspartei. Die Nachricht von seinem Tod sorgte in der Partei für Entsetzen. Der Bundestagsabgeordnete und ehemalige Brandenburger Linke-Chef Thomas Nord sagte der Berliner Morgenpost: „Wir stehen unter Schock.“ Mit Biskys Tod hätte keiner gerechnet. „Bisky stand für den Bruch mit dem Stalinismus und für einen sehr menschlichen und warmherzigen Umgang“, sagte Nord. Bisky hinterlässt zwei Söhne – den Maler Norbert Bisky und den Journalisten Jens Bisky. Seinen jüngsten Sohn Stephan überlebte er um fünf Jahre.