Interview

„Wir sind schicksalhaft verbunden“

Israels Botschafter Hadas-Handelsman über Deutschland und die neuen Verhandlungen mit den Palästinensern

Das Arbeitszimmer des Botschafters ist klein. Hierher gelangt man durch zwei Sicherheitsschleusen und zwei gepanzerte Türen. Nicht nur Israel ist ein bedrohtes Land. Auch das diplomatische Personal des jüdischen Staates lebt wie im Hochsicherheitstrakt. Doch Yakov Hadas-Handelsman tut so, als ob er das alles gar nicht bemerkt. Anders als einige Vorgänger sucht er nicht die Öffentlichkeit. Nur selten gibt Handelsman ein Interview. Doch nach der Veröffentlichung zweier antisemitischer Karikaturen in deutschen Zeitungen kann er wohl nicht länger schweigen. Mit Yakov Hadas-Handelsman sprach Alan Posener.

Berliner Morgenpost:

Herr Botschafter, zu Beginn des Ramadan haben Sie muslimische Diplomaten und Vertreter muslimischer Organisationen zum Fastenbrechen in die Residenz eingeladen. Das dürfte manche Deutsche verwundern, die meinen, Israel unterstützen heißt den Islam bekämpfen.

Yakov Hadas-Handelsman:

Manche denken das, aber das stimmt nicht. Im Gegenteil. Der Islam gehört zu den drei monotheistischen Religionen, er hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Judentum, er predigt Menschlichkeit und Mitgefühl. Das ist kein Nullsummenspiel. Israel zu unterstützen bedeutet nicht, den Islam zu bekämpfen, oder umgekehrt. Ich habe in Amman und Doha als Diplomat gearbeitet, und dort habe ich immer zum Iftar eingeladen. In Israel werden solche Iftar-Feste übrigens auch gefeiert, beim Präsidenten, beim Sprecher der Knesset. Im Außenministerium. Vergessen wir nicht, dass 20 Prozent der israelischen Bevölkerung Nichtjuden sind, meistens Araber, deren Mehrheit Muslime sind.

Wenn man sieht, wie Minderheiten oder auch Mehrheiten in den Nachbarstaaten behandelt werden – also Kopten in Ägypten, Sunniten in Syrien, Palästinenser in Jordanien: Da wundert man sich, dass in Europa ausgerechnet das multikulturelle Israel als „Apartheidstaat“ bezeichnet wird.

Israel einen „Apartheidstaat“ zu nennen ist nicht nur dumm und beleidigend. Es verniedlicht auch das Leiden der schwarzen Bevölkerung Südafrikas unter dem Apartheidregime. In Israel haben Juden und Nichtjuden die gleichen Rechte. Ein arabischer Bürger hat den gleichen Ausweis wie ich. Heißt das, dass es keine Ungleichheit gibt? Nein. Wir haben noch eine lange Strecke vor uns. Nobody is perfect. Auch Europa nicht, übrigens. Aber die gute Nachricht lautet: Diese Strecke wird Jahr für Jahr kürzer. Was die Palästinenser betrifft: Wir wollen sie nicht kontrollieren. Wir wollen ein Friedensabkommen mit ihnen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie persönlich keinen Antisemitismus erlebt haben. Aber dann gibt es Karikaturen wie in der „Süddeutschen Zeitung“, wo Israel als Monster erscheint, oder in der „Stuttgarter Zeitung“, wo Netanjahu als Taubenvergifter dargestellt wird. Was ist da los?

Leider kann ich keine Gedanken lesen. Zum Mindesten handelt es sich um eine Geschmacklosigkeit. Lassen Sie mich eins vorwegsagen. Natürlich darf man Israel kritisieren. Auch in Deutschland. Allerdings erwarten wir, dass man in Deutschland ein klein wenig sensibler ist als anderswo. Wegen der Vergangenheit, die man nicht ignorieren kann. Juden und Deutsche sind nun einmal auf ewig schicksalhaft verbunden. Das Verhältnis ist nicht normal. Kritik ist legitim. Ich bin kein Zensor. Aber bestimmte Bilder stammen nun einmal aus einem anderen Deutschland. Bisher wurden bei der Kritik an Israel bestimmte Grenzen beachtet. Aber die von Ihnen angesprochenen Karikaturen, das Gedicht von Günter Grass und manche Aussagen von Jakob Augstein stellen Grenzverletzungen dar. Viele Medienleute sagen: Ja, aber wir haben doch Grass kritisiert, wir haben die Karikaturen kritisiert, und das stimmt, und dafür sind wir dankbar. Aber die Grenzübertretungen sind passiert, und mit jeder Übertretung wird das normaler. Und wenn wir uns dagegen verwahren, sagen die Kritiker: Seht ihr, man darf Israel nicht kritisieren. Oder: Wir Deutsche dürfen Israel nicht kritisieren.

Einerseits lässt Israel palästinensische Gefangene frei – darunter verurteilte Mörder und Terroristen –, andererseits verkündet es den Bau von 1200 neuen Wohnungen in Ostjerusalem und der Westbank. Viele Freunde Israels hätten es lieber gesehen, wenn verurteilte Mörder im Gefängnis blieben, dafür aber der Wohnungsbau ausgesetzt würde.

Die Freilassung dieser Gefangenen ist schmerzlich für Israel und wird kontrovers diskutiert. Sie war auch in der Regierung umstritten. Aber Netanjahu hat diesen schweren Schritt unternommen, um noch einmal klarzustellen, wie weit Israel gehen will, um den Friedensprozess zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Aber das ist etwas Konkretes. Die Gefangenen kommen frei. Die Wohnungen werden aber nicht sofort gebaut. Die Ankündigung ist der erste Schritt eines langen bürokratischen Prozesses. Und wenn wir wirklich ein Friedensabkommen erreichen, wird es auf diese Wohnungen nicht ankommen. Sie werden in Gebieten gebaut, die auch nach einer Einigung mit den Palästinensern bei Israel bleiben werden. Das ist beiden Seiten schon heute klar. Ebenso ist klar, dass die Palästinenser im Austausch anderes Territorium erhalten werden.