Umweltkatastrophe

Radioaktives Wasser fließt ins Meer

Heftige Kritik an Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima

Tokyo Electric Power (Tepco), der Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, ist seit einigen Tagen erneut heftig unter Beschuss: Nach Berechnungen des Industrieministeriums fließen jeden Tag 300 Tonnen verseuchtes Wasser in den Pazifik – und das bereits seit zwei Jahren. Tepco selbst sagt, man kenne die genaue Menge nicht. Japans größtem Stromunternehmen wird vorgeworfen, dies bis zur Verlautbarung am 22. Juli verschwiegen und sich nicht um das Problem gekümmert zu haben. Japans Atomregulierungsbehörde NRA sprach von einem „Notfall“. Selbst Premierminister Shinzo Abe, ein Befürworter der Kernenergie, sagte nun, es sei „ein dringendes Problem“. Nun sollen erstmals Steuergelder dafür reserviert werden, dem inzwischen verstaatlichten Unternehmen mit dem Wasserproblem zu helfen. Die Stromfirma will ab kommender Woche rund 30 fünf Meter lange Rohre in den Grund entlang des Uferdamms in die Erde einführen, um so bis zu 100 Tonnen Grundwasser pro Tag abzupumpen. Das soll verhindern, dass noch mehr radioaktive Stoffe wie Cäsium, Tritium und Strontium in die Nahrungskette gelangen. Die Verbraucher sind ohnehin schon besorgt und kaufen seit der Dreifachkatastrophe im März 2011 weniger Meeresgetier aus der Region – was die Fischereiindustrie schmerzlich zu spüren bekommen hat. Bisher ist ihr ein Schaden von geschätzt 1,26 Billionen Yen entstanden – eine Zahl, die angesichts der aktuellen Nachrichten erst recht weiter steigen wird. Wissenschaftler hatten durch Funde stark belasteter Fische im Hafenbecken des Kernkraftwerks und in der Umgebung sowie anhand schnell zerfallender Isotope radioaktiver Stoffe immer wieder vermutet, dass es undichte Stellen geben müsse. Tepco hatte dies jeweils abgestritten oder erst spät zugegeben. Schon bevor bekannt wurde, in welchem Ausmaß täglich verseuchtes Wasser – „unkontrolliert“, wie es der Betreiber nannte – ins Meer fließt, hatten sich Fischerverbände mit Tepco gestritten. Sie wollten nicht, dass der Konzern täglich 100 Tonnen belastetes Grundwasser ins Meer ablässt oder aber eine Umleitung baut, damit das Wasser erst gar nicht durch die unterirdischen Reaktoranlagen fließt und verseucht wird. Der Hintergrund: Auf dem Werksgelände geht der Platz für die enormen Wassermassen zur Neige, 85 Prozent der mehr als 1000 riesigen Tanks sind voll.

Es wird vermutet, dass sich in der Anlage, vor allem in Tanks mit stärker belastetem Wasser, 100 mal mehr Strontium als Cäsium befinden soll. Der amerikanische Meeresforscher Ken Buesseler, der unter anderem zur Verbreitung von Plutonium in Meeres- und Grundwasser forscht und seit der Fukushima-Krise Tausende Fische auf radioaktive Nukleide untersucht hat, sagte dem US-Magazin „National Geographic“: „Cäsium ist wie Salz – es geht relativ schnell in unseren Körper hinein und wieder hinaus. Strontium geht in unsere Knochen.“