Tiernamen

Wie heißt denn du?

Eine Fliege namens Beyoncé. Käfer, die Bush und Cheney heißen. Mistbienen, die nach Bill Gates benannt sind. Die Entdecker neuer Arten beweisen viel Fantasie bei der Wahl der Namen

Etwa 1,2 Millionen Arten – Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien, Algen und Protozoen – haben Wissenschaftler bisher beschrieben. Rund 7,5 Millionen warten noch darauf, entdeckt und klassifiziert zu werden. Sie leben im Urwald, in der Tiefsee, in Seen und auf Wiesen, in Baumkronen und im Erdboden. Forscher sammeln auf Expeditionen ein, was sie zu fassen bekommen. Immer auf der Suche nach einer neuen, unbekannten Art – und auf der Suche nach einem dazu passenden Namen.

Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Naheliegend ist es, eine neue Art nach dem eigenen Kind zu benennen oder dem Lebenspartner. Ortsnamen finden sich in den lateinischen Bezeichnungen ebenso wie Prominente oder die Figuren aus „Herr der Ringe“ oder „Star Wars“. Eine seltene australische Pferdebremse mit einem runden, goldenen Hinterteil heißt beispielsweise offiziell Scaptia Beyoncea: Ihr Entdecker Bryan Lessard fühlte sich beim Anblick des Insekts an seine Lieblingsmusikerin Beyoncé Knowles erinnert.

Eine Mistbienenart aus Costa Rica hat Christian Thompson vom National Museum of Natural History in Washington Eristalis gatesi getauft. Angeblich, weil er damit an die großen Verdienste des Microsoft-Gründers für die Fliegenforschung erinnern wollte. Robb Bennet aus Kanada diskutierte mit seinen Kollegen lange, ob eine winzige, sehr agile und sehr schnelle Spinne lieber BMW oder Norton heißen sollte. Die Motorradfans einigten sich schließlich auf den Namen Apostenus ducati.

Bei der Benennung einer Art müssen Forscher nur eine Regel beachten: Der erste Name ist der Gattungsname, also der „Nachname“ eines Tieres. Der zweite Name, der „Vorname“, ist der eigentliche Artname – und hier hat der Taxonom die freie Wahl.

Zunächst aber muss er die Art in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung anhand von anatomischen, geografischen und gegebenenfalls genetischen Merkmalen als bislang unbekannt vorstellen. Andere Kollegen begutachten diese „Diagnose“ der Art, und sobald sie sie annehmen und die Studie publiziert ist, gilt der Artname für die Ewigkeit. Ein Exemplar, der „Holotyp“, wird als Referenz in einer wissenschaftlichen Sammlung aufbewahrt, damit andere Forscher vergleichen können, ob sie selbst eine neue Art oder nur ein weiteres Exemplar der bekannten gefunden haben.

Man muss kein Biologe sein, um neu beschriebenen Arten einen Namen zu geben: Gegen eine Spende vermittelt unter anderem der gemeinnützige Verein Biopat Patenschaften für eine Tierart: Ein Forscher gibt gegen eine Mindestspende von 2600 Euro einer neu entdeckten Art den gewünschten Namen. Die Hälfte der Spende geht an sein Forschungsinstitut, die andere an regionale Umweltschutzprojekte in dem Land, in dem die Art entdeckt wurde. Biopat gibt es seit 13 Jahren, bisher wurden fast 140 Arten vermittelt, vor allem Frösche und Orchideen. Da jedes Jahr 15.000 bis 20.000 Arten neu beschrieben werden, muss niemand einen Ausverkauf der Arten fürchten.

Attraktiv ist das Spendenmodell auch für Unternehmen. Robert Wallace etwa hatte in Bolivien eine neue Affenart entdeckt. Bei einer Versteigerung, bei der Geld für den Erhalt des Nationalparkes gesammelt wurden, spendete das Online-Casino GoldenPalace.com 650.000 US-Dollar. Seither heißt der Springaffe Callicebus aureipalatii – oder auch Golden.Palace.com-Springaffe.

Den Artnamen sapiens trägt übrigens nur der Mensch – und das, obwohl bislang kein Forscher eine Diagnose publiziert hat und kein Holotyp im Museum steht. Carl von Linné, der Urvater der zoologischen und botanischen Nomenklatur, beschrieb 1735 den Menschen als Erster. Linné verzichtete aber darauf, die körperlichen Merkmale zu definieren. Er ging davon aus, dass jeder genau wisse, was ein Mensch sei.