Studie

Die wahren Werte der Deutschen

Eine Berliner Agentur hat die neuen Statussymbole gesucht: Freizeit, Bildung, Nachhaltigkeit

Beim Streben nach Status schauen die Deutschen verstärkt auf Dinge, die man sich mit Geld nicht kaufen kann. Für besonders erstrebenswert halten sie es etwa, Zeit für sich zu haben, körperlich fit zu sein oder viele Sprachen zu sprechen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Online-Befragung der Berliner Strategieagentur Diffferent, die der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegt.

„In vielen Bereichen ist eine Sättigung eingetreten“, sagt der Autor der Studie, Director Trends & Innovation bei Diffferent. „Ein Smartphone zu besitzen zum Beispiel ist per se kein Statussymbol mehr.“ Eher könnte künftig das Gegenteil der Fall sein. Mehr als die Hälfte der Befragten nannte eine bewusste Auszeit von Handy und Internet als Möglichkeit, um sich von anderen abzugrenzen. Immerhin 45 Prozent fanden eine solche Auszeit auch für sich selbst erstrebenswert. Ihre Freunde treffen die Menschen übrigens lieber in Person als virtuell. Allem Hype um die sozialen Netzwerke zum Trotz: Lediglich 16 Prozent der Befragten findet es erstrebenswert, viele Kontakte auf Facebook oder Xing zu haben. 60 Prozent dagegen wünschen sich „im echten Leben“ einen großen Freundeskreis.

Für die Studie hat Diffferent eine repräsentative Stichprobe von rund 2000 Menschen online befragt. Außerdem wurden 30 Interviews mit Unternehmensvorständen und Wissenschaftlern zum Thema Statussymbole geführt.

Ganz hoch im Kurs stehen der Umfrage zufolge die immateriellen Güter. Neun der top zehn Begehrlichkeiten gibt es nicht zu kaufen. Auf Platz eins rangiert die Zeit für sich selbst, die 90 Prozent der Befragten durch alle Altersschichten erstrebenswert finden. Auch ein „unbefristeter Arbeitsvertrag“, „Kinder haben“, „eine Ehe führen“, „richtig gut kochen können“, „stets über die Weltpolitik informiert sein“ und „sich ehrenamtlich engagieren“ schaffen es auf die vordersten Plätze. Für die Autoren der Studie deutet das darauf hin, dass die Mehrheit der Menschen lieber zur Wissens- und Bewusstseinselite als zur Geld-Elite gehören möchte.

Diese Bewusstseinseliten indes sind für Unternehmen besonders begehrte Kunden. „Sie sind oft die Vorreiter und Trendsetter der Gesellschaft“, sagt Jehmlich. Sie stehen für ihre Werte ein. Das fänden andere Menschen gut und folgten. „Deshalb steht diese Gruppe beim Marketing besonders im Fokus.“

Das gilt zum Beispiel bei der Deutschen Bahn. Kunden, denen eine nachhaltige Mobilität wichtig war, hatte der Konzern schon lange. In den vergangenen Jahren allerdings sei ihre Zahl „erheblich gewachsen“, berichtet Marketing-Vorstand Manuel Rehkopf. Zudem hätten Angehörige der Bewusstseinselite ganz gewichtigen Einfluss: „Dieses Segment ist besonders sprachmächtig und somit ein wichtiger Multiplikator“, sagt Rehkopf. Kein Wunder, dass die Bahn mit einzelnen Aktionen direkt auf diese Gruppe abzielt. Seit April bezieht der Konzern etwa den Strommix für sämtliche Bahncard-Kunden zu 100 Prozent aus regenerativen Energien. Man wolle glaubhaft zeigen, dass man es ernst meine mit der Verantwortung, sagt Rehkopf.

Unter den Top-10-Statussymbolen der Diffferent-Rangliste lässt sich tatsächlich nur die Nummer vier mit Geld kaufen: das eigene Haus oder die Eigentumswohnung. Die Immobilie finden 80 Prozent aller Befragten erstrebenswert, unter den Jungen zwischen 18 und 29 Jahren liegt der Anteil sogar bei 84 Prozent.

Das heißt in den Augen des Gesellschaftsforschers aber nicht, dass die Menschen künftig unabhängig werden von materiellen Bedürfnissen. „Immaterielle Statussymbole stehen nicht im Widerspruch zu den Statusklassikern. Zeit zu haben, muss man sich leisten können. Auch Moral kann teuer sein“, sagt Jehmlich. Wie wahr.