Anfangsjahre

Grüne Weichzeichner

Grüne stimmten 1985 für die Legalisierung von Sex zwischen Erwachsenen und Kindern. Heute will kaum einer dabei gewesen sein

An einen Schock erinnern sich viele Grüne, die damals dabei waren. An ein totales Chaos im Saal, das sich nicht mehr habe aufhalten lassen und das urplötzlich in einem Paukenschlag gegipfelt sei. Von unachtsamen Augenblicken sprechen andere. Eine Minderheit habe diese unbeobachteten Momente ausgenutzt. Nur so habe es passieren können, dass die Grünen in Nordrhein-Westfalen am 10. März 1985 auf ihrem Parteitag für die Legalisierung sexueller Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern stimmten und damit pädophilen Strömungen in den eigenen Reihen nachgaben.

Der Kernpunkt des 21-seitigen Papiers mit dem Titel „Sexualität und Herrschaft“ lautet: „Einvernehmliche Sexualität ist eine Form der Kommunikation zwischen Menschen jeden Alters, Geschlechts, Religion oder Rasse und vor jeder Einschränkung zu schützen.“ Der Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz in Lüdenscheid floss damals in das Landtagswahlprogramm der nordrhein-westfälischen Grünen ein und ist der handfeste Nachweis dafür, wie einflussreich die Pädophilie-Befürworter in den Anfangsjahren der Partei waren.

Kein Wunder, dass die meisten Grünen im Rückblick die Umstände der Verabschiedung weichzeichnen. Kaum einer will bei der entscheidenden Abstimmung im Saal gewesen sein. Und wenn doch, dann habe er in dem allgemeinen Durcheinander und vor lauter Erschöpfung am zweiten Tag des Treffens nicht mehr klar ausmachen können, wofür da eigentlich die Hand gehoben wurde. So die Legende.

Die Protokolle dieses März-Sonntags in Lüdenscheid, die im Archiv Grünes Gedächtnis lagern, erzählen jedoch eine ganz andere Version. Zwar stimmt es, dass die Debatte über das knapp 500 Seiten lange Landtagswahlprogramm zäh, anstrengend und streckenweise ungeordnet war und sich über mehrere Parteitage hinzog. Doch die Delegierten von damals wussten den Unterlagen zufolge sehr genau, was sie da beschlossen.

Der Theologe Hans Immanuel Herbers, heute Mitglied der Piraten, zählt zu den Mitbegründern der Grünen, war in den 80er-Jahren Mitglied des Landesvorstandes in Nordrhein-Westfalen, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Demokratie und Recht, und erinnert sich noch gut an die Geschehnisse in Lüdenscheid: „Der Programmteil ‚Sexualität und Herrschaft‘ ist nicht einfach durchgerutscht“, sagt Herbers heute. „Das Papier wurde diskutiert, war stark umstritten, und es gab Streit. Letztendlich haben viele Delegierte aus reinem Opportunismus zugestimmt.“

Klar ist nach dem der Berliner Morgenpost vorliegenden Protokoll, dass der Programmpunkt nicht bei nächtlicher Müdigkeit, sondern um die Mittagszeit diskutiert wurde – und zwar vergleichsweise ausführlich. Herbers erinnert sich an eine Debatte von länger als einer halben Stunde. Nach elf Abstimmungen über Nachbesserungen gibt Versammlungsleiter Michael Merkel seinen Posten ab. Er hatte sich in die Debatte eingemischt, was laut Geschäftsordnung nicht zulässig gewesen sein soll. Die Versammlungsleitung übernimmt Gisela Lommer, später wird sie aber doch wieder von Michael Merkel abgelöst. Die Delegierten legen schließlich eine Pause von fünf Minuten ein. Dann tritt Versammlungsleiter Michael Merkel wieder ans Mikrofon. „Er gibt bekannt, dass da vorne der Essenswagen steht“, verzeichnet das Protokoll.

Es ist gut möglich, dass daraufhin einige im Saal sich hauptsächlich der Verpflegung zuwenden und weniger aufmerksam die Debatte verfolgen. Der Programmteil „Sexualität und Herrschaft“ wird schließlich mit 73 Jastimmen gegen 53 Neinstimmen und bei sieben Enthaltungen in das Landtagswahlprogramm aufgenommen. Der Beschluss von Lüdenscheid bedeutet nicht weniger als die Forderung nach einer fast vollständigen Abschaffung des Sexualstrafrechts.

Es ist die Parteibasis, die binnen weniger Tage eine Kehrtwende erzwingt: Wie aus Zeitungsberichten hervorgeht, reagieren viele der 54 Grünen-Kreisverbände in NRW mit „heller Empörung“. Es habe eine „Welle von Anrufen und auch Austrittsdrohungen gegeben“, wird ein Grünen-Sprecher zitiert. Schon am folgenden Sonnabend leitet ein eilig einberufener Landeshauptausschuss den Kurswechsel ein. Am 30. März verabschiedet eine außerordentliche Landesdelegiertenkonferenz einen entschärften Programmteil. Bei der Wahl am 12. Mai verpassen die Grünen mit 4,6 Prozent den Einzug in den Düsseldorfer Landtag.