Jugend

Nicht vom selben Stern

Jugendliche und Erwachsene werden sich immer fremder, sagt eine Studie. Für die Gesellschaft wird das zum Problem

Die Postkarte war versehentlich in unserem Briefkasten gelandet. Eigentlich war sie für Jakob gedacht, einen Jungen aus der Parallelstraße. „Lieber Jakob“ stand da. „Ich bin jetzt an der Ostsee, und das Wetter ist gut. Schade, dass du nicht mitkommen konntest. Es ist zwar ganz schön hier, aber mit den alten Kompostis hier rumzuhängen ist irgendwann langweilig. Viele Grüße!“ So schnell kann man in der Gunst seiner jugendlichen Kinder also sinken. Gestern noch „beste Mama der Welt“. Und heute? Komposti.

Wie es aussieht, scheint es eine unsichtbare Schwelle zu geben, über die Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden schreiten. Und wenn die passiert ist, leben Jugendliche auf einem anderen Stern als Erwachsene. Das ergab jetzt auch die Studie „Generationenbilder“, die das Institut für Demoskopie Allensbach für Jakobs Krönung erstellt hat. Danach driften die Lebenswelten der verschiedenen Generationen in Deutschland zunehmend auseinander. Schon zwischen junger und mittlerer Generation sehen rund drei Viertel der Bevölkerung starke oder sogar sehr starke Unterschiede in den Einstellungen, Ansichten und Verhaltensweisen.

Ein verstörender Befund

Und mehr noch: Statt sich langsam einzuebnen, scheinen die Unterschiede zwischen den Generationen sogar noch zu wachsen. 51 Prozent der Befragten und sogar 64 Prozent der über 60-Jährigen haben den Eindruck, dass die Lebenswelten zwischen Jung und Alt immer weiter auseinanderklaffen. Ein Befund, der in einer Zeit des angeblich grassierenden Jugendwahns verstörend wirkt.

„Generationenmäßig leben wir im Zeitalter des Extremismus“, sagt Michael Thiel. Der Hamburger Diplompsychologe hat die Studie begleitet und festgestellt, dass auch in der mittleren Generation die Schere immer weiter auseinanderklafft – zwischen denen, die jung im Kopf und über aktuelle Trends auf dem Laufenden sind und denen, die sich ernsthaft wundern, wer da morgens muffelig an ihrem Frühstückstisch sitzt. „In vielen Familien ist die Kommunikation dramatisch schlecht“, hat Thiel festgestellt. „Dadurch entfremdet man sich.“ Und auch das gibt Thiel zu bedenken: Die 50-Jährigen von heute mögen sich zwar fühlen wie 30. Von der Lebenswelt ihrer Kinder sind sie aber trotzdem meilenweit entfernt. „Der Lebensrhythmus der Kinder von heute ist viel rascher als das, was wir früher so erlebt haben – angefangen bei der verkürzten Schulzeit. Die Interessen sind einfach nicht mehr kompatibel mit denen der Erwachsenen, da trifft digitales Dauerdaddeln auf die Abteilung Spieleabend mit Freunden.“ Dies zu definieren, sei aber auch das Vorrecht der Jugend, so Thiel. Man erinnert sich: Trau keinem über 30.

Doch was macht letztlich die Unterschiedlichkeit der Lebenswelten aus, die Jung wie Alt so erleben? In erster Linie die Interessen – aber auch Werte und Selbstbilder. Die Einschätzung, welche Erfahrungen und Haltungen für die eigene Generation prägend sind, unterscheiden sich in den verschiedenen Altersgruppen tatsächlich sehr deutlich.

Die ältere Generation über 60 Jahren sieht sich stark geprägt durch strenge Erziehung (80 Prozent), den Respekt vor Autoritäten (81) und Leistungsbereitschaft (72), aber auch Werteorientierung (71) und starken Zusammenhalt (64) – Faktoren, die Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren kaum als generationstypisch nennen. Hier fallen eher Begriffe wie Kontaktfreude (79 Prozent), Freiheit (72) und Genussorientierung (64).

Als typisch für die heutige Jugend wird auch die Tatsache wahrgenommen, dass die Eltern wenig Zeit für ihre Kinder haben. Dieser Punkt wird mit 57 Prozent bereits an vierter Stelle genannt. Etwas diffuser stellt sich das Selbstbildnis der mittleren Generation der 30- bis 59-Jährigen dar. Doch ähnlich wie bei den Senioren stehen auch hier die Achtung von Autoritäten, Leistungsbereitschaft und klare Vorstellungen von Richtig und Falsch im Vordergrund.

Interessant wird es aber vor allem da, wo es um die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Generationen geht. Was die „Jugend von heute“ ist, definieren die jungen Leute eben nicht nur selbst – das Image ihrer Generation bestimmt sich auch durch den Blick von außen. Und der ist nicht nur positiv. So erleben Erwachsene ab 25 die Jugend deutlich hedonistischer und freiheitsorientierter als die sich selbst. Zwei Drittel halten Jugendliche für egoistisch – die Betroffenen selbst aber nur zu einem Drittel.

Besonders weit klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung auch in der Frage der Anstrengungsbereitschaft auseinander. Nur zehn Prozent der Erwachsenen hält die heutige Jugend für besonders leistungsorientiert. Jugendliche selbst nennen Leistungsbereitschaft hingegen zu 30 Prozent als ein Charakteristikum ihrer Generation. Eltern von jugendlichen Kindern urteilen zwar etwas milder über ihren Nachwuchs als der kinderlose Rest. Aber auch von ihnen haben nur elf Prozent den Eindruck, dass ihre Kinder sich ins Zeug legen wollen, um etwas zu erreichen.

„Es ist das Vorrecht der Jugend, sich das Recht auf Faulheit herauszunehmen“, meint Psychologe Michael Thiel. „Pubertät ist für Körper und Psyche wahnsinnig anstrengend.“ Eine generelle Lizenz zum Chillen sollten Eltern ihren Kindern aber nicht ausstellen. „Eltern tragen selbst oft mit ihrer im Prinzip gut gemeinten Erziehung zur sorglosen Haltung der Jugendlichen bei“, hat Thiel aus seiner Praxis beobachtet. „Meistens bekommen die Kinder, was sie möchten – egal, ob aus schlechtem Gewissen, weil die Eltern keine Zeit haben, oder weil Eltern einfach das Beste für ihre Kinder wollen.“

Statt Streit aus dem Weg zu gehen, rät der Psychologe Eltern zu mehr Stehvermögen. „Gerade in der schwierigen Phase der Pubertät müssen Eltern konfliktbereit sein und Beziehungsarbeit leisten.“ Seiner Erfahrung nach wollten Jugendliche gefördert, aber nicht kontrolliert werden, sie brauchten Freiheit, aber auch Regeln und Grenzen.

Reibung erzeugt eben Wärme. Denn auch das hat Allensbach ermittelt: Die Familie wird von den Beteiligten durchaus als Brücke zwischen den Generationen erlebt. Innerhalb der eigenen vier Wände wird die Kluft zwischen den Lebenswelten weit weniger stark wahrgenommen als allgemein.