Gewalt in Ägypten

Blutige Jagd auf Mursis Anhänger

Dutzende Tote bei Zusammenstößen in Kairo. Ägyptische Sicherheitskräfte schießen gezielt auf Muslimbrüder

An dem Ort, an dem Anwar al-Sadat am 6. Oktober 1981 von Islamisten ermordet wurde, glänzt an diesem Sonnabend eine Blutlache in der heißen Juli-Sonne. Hier liegt auch das Grab des ermordeten Präsidenten, und etwas weiter die Straße hinab steht die Rabaa-al-Adawija-Moschee, vor der seit Wochen die Anhänger des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi demonstrieren. In den frühen Morgenstunden des Sonnabend kam es dort zu Kämpfen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, nachdem Mursis Anhänger versucht hatten, eine Hauptverkehrsachse der Stadt, die 6.-Oktober-Brücke, zu besetzen. Nach Angaben der Muslimbruderschaft starben mindestens 120 Menschen. Rund 4000 Menschen wurden nach diesen Angaben verletzt. Das ägyptische Gesundheitsministerium sprach zunächst von 38 Toten und 239 Verletzten.

Innenminister Mohammed Ibrahim führte die jüngste Gewaltorgie auf eine „Provokation“ der Muslimbrüder zurück. Deren Dauerkundgebungen würden bald „auf legalem Weg“ beendet werden. Das Blutbad geschah in der Nasr-Straße, die zum Protestlager der Muslimbruderschaft vor der Rabaa-al-Adawija-Moschee führt. Tausende Anhänger der islamistischen Organisation lagern dort seit mehr als drei Wochen. Im Feldkrankenhaus der Muslimbruderschaft spielten sich am Sonnabendmorgen nach Angaben von Reportern dramatische Szenen ab. Immer wieder wurden Tote und Schwerverletzte gebracht. Mitarbeiter der „New York Times“ zählten bis zum Mittag 49 Leichen. Auffallend viele Opfer hätten Schussverletzungen an Kopf und Brust aufgewiesen. Die Ärzte operierten sprichwörtlich im Blut watend und kamen mit der Versorgung der Verwundeten kaum nach. Der Sprecher der Bruderschaft, Gehad al-Haddad, erklärte verbittert: „Sie (die Polizisten) schießen nicht, um zu verwunden, sondern um zu töten.“ Mohammed al-Beltagi, ein Mitglied der Führung der Organisation, schrieb auf seiner Facebook-Seite: „Wir haben es mit einem Genozid zu tun. Wie lange wollen die Völker der freien Welt diesem Schlachten noch zusehen?“

Millionen auf den Straßen

In der Nacht zuvor waren Millionen von Menschen in ganz Ägypten auf die Straßen gegangen, nachdem Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi am Mittwoch in einer Ansprache die Ägypter dazu aufgefordert hatte, zu demonstrieren, um seine Politik zu legitimieren. „Ich bitte alle ehrenhaften und verantwortungsvollen Ägypter, am Freitag auf die Straße zu gehen, um mir die Vollmacht zu erteilen, Terrorismus und Gewalt entgegenzutreten“, sagte al-Sisi. Die Unterstützer des Verteidigungsministers strömten daraufhin am Gebetstag der Muslime in Massen auf den Tahrir-Platz im Herzen Kairos und zum Präsidentenpalast im Norden der Stadt. Abu Bakr al-Gindy, Chef der zentralen Agentur für öffentliche Mobilisierung und Statistik, schätzte, dass 35 Millionen Menschen am Freitag in Ägypten demonstriert hätten. Dies habe die Auswertung von Satellitenbildern ergeben. Die Demonstranten trugen Plakate mit Aufschriften wie: „Ich ermächtige das Militär und die Polizei dazu, gegen den Terror zu kämpfen.“

Die Islamisten hingegen demonstrieren gegen den Sturz Mursis durch das Militär am 3. Juli und versuchen, das öffentliche Leben in Kairo lahmzulegen. Vor der Rabaa-al-Adawija-Moschee versammelten sich am Freitag wieder Tausende Menschen. „Es gibt zwei Optionen: Entweder al-Sisi geht und Ägypten kehrt zur Rechtmäßigkeit zurück, oder wir werden weiterhin das Land mit zivilem Ungehorsam, Demonstrationen und anderen Formen der Eskalation lähmen“, sagt Magdi Abdelmabud, ein Pro-Mursi-Demonstrant.

Genau gegen diese Strategie scheinen aber viele Ägypter zu sein. Sie fürchten ein völliges Zusammenbrechen des öffentlichen Lebens und noch mehr Gewalt. Denn in den vergangenen Wochen sind die Kämpfe eskaliert. Bei Auseinandersetzungen zwischen Pro- und Anti-Mursi-Demonstranten kamen nach Angaben staatlicher Medien mehr als 100 Menschen auf beiden Seiten ums Leben. Nach den blutigen Auseinandersetzungen von Sonnabendmorgen werden diese Zahlen noch steigen. Am Wochenende könnte der Konflikt noch weiter eskalieren. Die Militärführung hat den Islamisten ein 48-Stunden-Ultimatum gesetzt, um sich am nationalen Versöhnungsprozess zu beteiligen. Das Ultimatum läuft am Sonnabendabend aus. Sollten die Islamisten nicht darauf eingehen, droht eine härtere Gangart. Die über die Medien verbreitete Aufforderung hatte den Titel „Letzte Chance“. Zudem ließ der Innenminister verlauten, dass die Sitzstreiks der Islamisten schon bald mit legalen Mitteln aufgelöst werden würden. Anwohner in Giza und Nasr City, wo sich die beiden zentralen Pro-Mursi-Demonstrationen befinden, hatten Beschwerde gegen die Protestlager eingereicht.

Das Land ist gespalten

Die Situation in Ägypten ist explosiv, und die Proteste zeigen, wie gespalten das Land mittlerweile ist. Niemand weiß, was die nächsten Tage, geschweige denn Wochen oder Monate bringen werden. Auch deshalb hoffen so viele Ägypter, dass die Militärführung mit Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi an der Spitze das Land mit starker Hand wieder in ruhigere Gewässer manövrieren wird. Die Sicherheitslage hat sich so sehr verschlechtert, dass sich viele eine harte Hand wünschen, die für Ruhe und Ordnung sorgt. In den sozialen Netzwerken wird das harte Durchgreifen der Sicherheitskräfte gegen die Muslimbrüder hingegen scharf verurteilt. Viele der Aktivisten stehen dem Militär – im Gegensatz zur großen Masse der Ägypter – skeptisch gegenüber. Sie haben die anderthalb Jahre Militärherrschaft nach dem Sturz Mubaraks nicht vergessen, in denen etliche von ihnen ohne faire Gerichtsverfahren vor Militärgerichten verurteilt wurden und Hunderte Menschen bei Demonstrationen brutal zusammengeschlagen wurden. Ein Aktivist warnte die Ägypter am Wochenende über Twitter: „Die große Gewalt hat noch nicht begonnen.“