Interview

„Man braucht verrückte Ideen“

SAP-Aufsichtsratsvorsitzender Hasso Plattner über die Anfänge des Softwarekonzerns, das Gründen und den Standort Berlin

Das ist der Ort, an dem Hasso Plattner sich noch einmal jung zu fühlen scheint. Jan Dams und Andre Tauber treffen ihn an einem Sommertag an seinem Institut in Potsdam, dem Hasso-Plattner-Institut. Der Gründer des Softwaregiganten SAP und dessen Aufsichtsratschef ist einer der einflussreichsten Köpfe der weltweiten IT-Industrie. Hier am Institut wird er zu Professor Plattner. Gerade unterhält er sich mit jungen Mitarbeitern bei einer Butterbrezel. Worum es im Gespräch geht, ist nicht zu hören. Doch es macht Plattner sichtlich Freude.

Berliner Morgenpost:

Wünschen Sie sich, noch einmal 28 zu sein?

Hasso Plattner:

Wer wünscht sich das nicht? Allerdings sollte mein Hirn zuvor gelöscht werden. Ich möchte alles noch mal frisch erleben (lacht).

Mit 28 haben Sie mit vier anderen SAP gegründet – heute eines der teuersten Unternehmen im Dax. Wäre so eine Erfolgsgeschichte noch einmal möglich?

Möglich wäre es schon. Die technologischen Voraussetzungen dafür sind viel besser als früher. Wir sind international vernetzt, man kann alles und jeden erreichen. Doch in den vergangenen 41 Jahren haben wir in Deutschland leider noch immer nicht dazugelernt, wie erfolgreiche Unternehmen wirklich entstehen.

Wie meinen Sie das?

Man braucht verrückte Ideen und einen fast bedingungslosen Willen, sich selbst einzubringen. Man arbeitet rund um die Uhr, auch an den Wochenenden, ist komplett eingebunden. Keiner bringt mit normalen Arbeitszeiten eine Firma hoch. Die Politik, die Medien und viele Menschen in Deutschland haben damit anscheinend ein Problem. In Amerika ist das anders.

Erfolgreiche Gründer haben kein Privatleben?

Man muss es sich zumindest anders organisieren. Ich habe nie wieder so viel Tennis gespielt wie in meinen ersten Jahren bei SAP. Der Grund: Wir haben immer in der Nacht beim Kunden gearbeitet. Im Rhythmus von Arbeit, Schlaf und wieder Arbeit war ein Tennisspiel einfach gut für meinen Kreislauf (lacht).

Woran hakt es in Deutschland?

Der Wille, mit Geld an der Börse zu investieren, ist hier nicht vorhanden. Praktisch jeder Amerikaner, der für seine eigene Versorgung verantwortlich ist, steckt Geld in Aktien und ist eingebunden in das Börsengeschehen. Das ermöglicht es Risikokapitalfirmen, auch zu investieren. Es gibt dort eine andere Beweglichkeit des Kapitals als bei uns.

Wir haben doch in Deutschland längst die Ableger der US-Risikokapitalfirmen.

Aber nicht die entscheidenden Spieler auf diesem Feld. Die investieren den Großteil ihres Geldes im Umkreis von 60 Meilen rund um das Silicon Valley. Maximal.

Deutsche Unternehmen können sich doch direkt an der Börse Geld beschaffen.

Und dabei werden sie mit Regularien belegt, die bei Amerikanern nur Kopfschütteln verursachen.

Ist Berlin also gar nicht das neue Silicon Valley, von dem die deutsche Politik träumt?

Es ist gut, dass wir viele interessante Start-ups in Berlin haben. Ich möchte das keinesfalls schlechtreden. Aber vergleichen Sie mal die Unternehmen im Silicon Valley nach Kennzahlen wie Umsatz, Kapitalausstattung, Anzahl der Mitarbeiter und so weiter mit den deutschen Start-ups. Das sind doch ganz andere Dimensionen. Das ist ein Verhältnis von 100 zu 1 oder 200 zu 1. Nein, die beiden Welten kann man gar nicht miteinander vergleichen! Aber vielleicht haben wir völlig andere Ansprüche und sind genügsam. Kaum ein deutsches Unternehmen hat den Anspruch: Ja, wir wollen ein Google oder ein Facebook werden. Da ist man immer skeptisch.

Haben wir Angst vor großen Unternehmen?

Ich denke schon, wir mögen die kleinen Unternehmen. Wir mögen den Mittelstand. In den USA redet Barack Obama auch so, weil das seine Klientel ist. Aber eigentlich liebt Amerika die großen, schnell wachsenden Firmen wie Microsoft und Ebay. Das Kleine und Rechtschaffene hat sicher etwas Sympathisches, aber es wächst eben nicht zu einem Google heran.

Die Amerikaner sind mutiger?

Als ich vor 20 Jahren meinen ersten Vortrag an der Stanford University hielt, da war der Vorlesungssaal hoffnungslos überfüllt. Ich berichtete davon, wie man eine Firma erfolgreich hochzieht. Die Studenten löcherten mich: „Wie wird man denn zum Milliardär?“ Das ist hier doch unvorstellbar. Wenn bei uns jemand an der Uni herumläuft und sagt: „Ich will Milliardär werden“, was würde passieren? Man würde ihn auslachen oder ächten!

Jetzt übertreiben Sie.

Natürlich tue ich das. Ich will nur sagen: Bei uns herrscht eine Stimmung vor, in der das, was in Amerika möglich ist, nicht gelingt. Auch in China läuft das anders. Dort haben sie sehr aggressive junge Menschen, die etwas werden wollen. Da werden die Start-ups förmlich gebrütet. Allerdings muss man auch fair sein und eingestehen, dass junge deutsche Firmen einen Nachteil haben.

Wieso?

Die Start-ups in den USA haben bereits einen sehr großen Heimatmarkt, in dem sie wachsen können. Chinesische Firmen haben den übrigens auch. Das Online-Handelsnetzwerk Alibaba ist in China ein Gigant mit 53 Millionen Nutzern. Sollten die einmal aus China rausgehen, dann sind sie schon eine Weltfirma. Deutsche Firmen hingegen müssen zunächst in einem zersplitterten europäischen Markt bestehen.

Sie sind einer der größten Stifter im Land. 200 Millionen Euro allein steckten Sie in das Hasso-Plattner-Institut. Wäre das mit einer Vermögensteuer noch möglich?

Nein. Und ich werde auf der Stiftungsratssitzung vorbeugende Maßnahmen ergreifen, um mich für den Fall vorzubereiten, dass es eine Vermögensteuer geben wird.

Muss auch SAP eines Tages die Konsequenzen ziehen? Sie richten sich schon längst stark auf die USA aus.

SAP ist weltweit sehr gut aufgestellt. Über kurz über lang werden Shanghai und Peking so wichtig, wie es heute unsere Standorte in Palo Alto im Silicon Valley oder in Bangalore in Indien sind. Die klassische Vorstellung eines großen Hauptquartiers mit Vertriebsniederlassungen weltweit ist überholt. Besuchen Sie mal das IBM-Hauptquartier in Armonk in der Nähe von New York. Dort ist heute längst nicht mehr so viel los wie früher. Viele wichtige Impulse für Innovation finden auch bei IBM mittlerweile woanders in der Welt statt.

Das gute alte Headquarter hat ausgedient?

Es ist besser, mehrere kleine Standorte als eine große Zentrale zu haben. Gäbe es nicht die unterschiedlichen Zeitzonen, hätten wir keinen Grund, nicht alle unsere Sitzungen über Bildschirme abzuhalten. Ich wollte – davon abgesehen – immer ein Buch über Unternehmen schreiben, die sich einen neuen Firmensitz zulegten. Die erlebten nach dem Bau immer ihre schwächsten Jahre. Das traf auf SAP zu – aber auch auf IBM, die Software AG, Apple und zahlreiche andere Unternehmen.

Was ist der Grund?

Der ist sehr banal: Das Management verliert den Fokus. Die Verantwortlichen suchen plötzlich Tapeten, Möbel und Waschbecken aus, statt sich um ihre Kunden zu kümmern.

Jim Hagemann Snabe wird 2014 sein Amt als Co-Vorstandschef aufgeben und der Amerikaner Bill McDermott das Unternehmen allein führen – und zwar von den USA aus. Viele deutsche Mitarbeiter fürchten um die Bedeutung von Walldorf.

Walldorf ist noch immer eines der größten Entwicklungslabore von SAP. Und außerdem der Konzernsitz.

Ist das beschauliche Walldorf denn noch zeitgemäß für einen Weltkonzern?

Walldorf hat ganz klar seine Berechtigung, und am Standort leisten unsere Mitarbeiter hervorragende Arbeit. Doch SAP müsste in Deutschland noch viel mehr die Berliner Karte spielen. Sie erreichen hier einfach andere Leute. Die jungen Leute wollen halt lieber ihre nächsten Jahre in der Großstadt verbringen.

Dafür können sich die Leute in Walldorf auf ihre Arbeit konzentrieren.

Man ist in Walldorf einfach etwas ab vom Schuss, und deswegen gibt es dort weniger kreative Impulse. Softwareingenieure, die in Palo Alto oder Berlin Kollegen aus anderen Unternehmen im Café oder an der Bar treffen, müssen sich rechtfertigen, wenn etwa eine neue SAP-Nutzeroberfläche langweilig daherkommt. In Walldorf passiert ihnen das nicht, weil sie dort im Restaurant oder Café keine kritischen Köpfe aus anderen Firmen treffen.

Warum verlagern Sie Ihren Firmensitz dann nicht einfach?

Darüber gibt es keine Diskussion. Walldorf ist nach wie vor ein ganz wichtiger Standort für SAP. Wir müssen aber die Impulse für Innovation an anderen Standorten mehr nutzen. Wir müssen noch globaler werden. Aber ich spekuliere nicht darüber, wer denn die SAP in 20Jahren besitzen wird. Vielleicht Carlos Slim aus Mexiko …

… laut „Forbes“ der reichste Mann der Welt.

Wenn der einen Kleinkredit aufnimmt, dann reicht das schon (lacht).