Ägypten

Tag des Kräftemessens

Tausende Gegner des abgesetzten Präsidenten Mursi verlangen: Die Armee soll jetzt mit den Islamisten abrechnen

– Unablässig strömen Tausende Menschen zum Tahrir-Platz in Kairo. Sie folgen einem Aufruf des mächtigen Armeekommandeurs Abdel Fattah al-Sisi. In Massen möge das Volk auf die Straße gehen, um ihm ein „Mandat“ für den „Krieg gegen den Terror“ zu geben, hat er vor zwei Tagen gesagt. Vor mehr als zwei Jahren war der Tahrir-Platz das Epizentrum der Revolution gegen den Langzeitherrscher Husni Mubarak. Jetzt haben ihn die Gegner seines ersten und demokratisch gewählten Nachfolgers besetzt – des Islamisten Mohammed Mursi. Ihn hatte die Armee am 3. Juli aus dem Amt gezwungen.

Die Stimmung ist aufgekratzt, fast aufgepeitscht. Bei Zusammenstößen der verfeindeten Gruppen in Alexandria sterben am Freitagabend mindestens zwei Menschen, zahlreiche weitere werden verletzt. In Kairo bleibt eine Eskalation der Gewalt zunächst aus. Hubschrauber der Armee kreisen in atemberaubendem Tiefflug über den Köpfen der Menschen. Begeisterter Jubel schlägt ihnen entgegen. Bilder von Al-Sisi werden verkauft und verschenkt: Al-Sisi in der sterilen Photoshop-Variante aus der Generalstabspressestelle, Al-Sisi mit schwarzer Sonnenbrille, wie er sie zuletzt in der Militärakademie trug, als er das Volk auf die Straße rief.

Deutschland ist hier nicht gut angesehen. Unter den Ägyptern auf dem Platz hat sich herumgesprochen, dass Bundesaußenminister Guido Westerwelle beständig die Freilassung Mursis aus der militärischen Internierung verlangt – am Freitag wurde diese in eine richterliche Untersuchungshaft umgewandelt. „Ihr seid hier nicht willkommen“, sagt ein Demonstrant in drohendem Unterton zum deutschen Reporter.

Auch Muslimbrüder mobilisieren

Doch auch der flüchtige Chef der Muslimbruderschaft, Mohammed Badie, hatte sein Lager mobilisiert, um „für Freiheit und Legitimität und gegen den blutigen Militärputsch“ aufzustehen. Tausende Ägypter zogen größtenteils friedlich von etwa 30 Moscheen zur Universität Kairo und der Moschee Rabaa al-Adawija, den beiden Hochburgen der Islamisten. Angeblich gab das Militär den Muslimbrüdern bis Freitagabend Zeit, um ihre Sitzblockaden zu beenden, mit denen sie seit Wochen gegen die Absetzung Mursis protestieren.

Mursi, der bisher vom Militär an einem unbekannten Ort festgehalten wurde, sitzt seit Freitag auf richterliche Anweisung formell in Untersuchungshaft. Die U-Haft für den entmachteten Ex-Staatschef begründete das Gericht in Kairo laut der Nachrichtenagentur Mena damit, dass dessen mögliche Zusammenarbeit mit der palästinensischen Hamas-Bewegung geprüft werden müsse. Außerdem untersucht die Justiz einen Aufstand im Gefängnis von Wadi Natrun, bei dem im Januar 2011 unter tausenden Häftlingen auch Mursi fliehen konnte, der kurz zuvor mit anderen Muslimbrüdern inhaftiert worden war. Es besteht der Verdacht, dass die Hamas auch hierbei behilflich war.

Wie das staatsnahe Portal „Al-Ahram“ weiter berichtete, will der Untersuchungsrichter Mursi zu Verschwörungsvorwürfen befragen. Die Untersuchungshaft wird in der Regel für 15 Tage verhängt und dann stets um jeweils weitere 15 Tage verlängert.

Die islamistische Muslimbruderschaft verurteilte die Entscheidung der Justiz. Die Vorwürfe klängen „wie eine Rache des alten Regimes“, das damit seine „machtvolle Rückkehr“ signalisiere, sagte der Sprecher der Bruderschaft, Gehad al-Haddad. Auch die Hamas verurteilte die Entscheidung und sprach von einer „gefährlichen Entwicklung“. Mursi wird seit seiner Entmachtung durch das Militär am 3. Juli an einem geheimen Ort festgehalten, ohne dass bisher Anklage erhoben worden wäre.

Mursi und seine Muslimbruderschaft haben Ägypten ein Jahr lang regiert, eher chaotisch und ohne vorweisbare Erfolge. Für die Demonstranten hier sind sie an allen Übeln schuld, die das Land plagen, auch an denen, die in einem Jahr schwerlich zu beseitigen gewesen wären. „Mursi ist eine Schande, das war das schwärzeste Jahr unserer Geschichte“, behauptet der 24-jährige Mohammed Rifai, ein Sicherheitsmann aus der Hotel-Branche im Nildelta. „Ich möchte Al-Sisi sagen: Bekämpfe den Terrorismus, wir unterstützen dich.“

Die „Terroristen“ sind hier die Muslimbrüder. Die Organisation hatte in ihren Anfängen vor 85 Jahren tatsächlich mit terroristischen Methoden gearbeitet, diesen aber vor vielen Jahrzehnten abgeschworen. Allerdings fiel Mursi in seiner Amtszeit durch unglückliche Gesten zugunsten verurteilter islamistischer Ex-Terroristen auf. Jetzt nutzen das die Propagandisten der Armee und die von ihnen mit Informationen „gefütterten“ Massenmedien aus, um die Muslimbruderschaft und den Terror in einen Topf zu werfen. „Al-Sisi war den Menschen bisher egal, aber seitdem er dem Terror den Krieg erklärt hat, lieben sie ihn“, sagt der 27-jährige Kunststudent Jussif Magdi Hussein. „Sie erwarten von ihm, dass er die restlichen Führer der Bruderschaft ins Gefängnis steckt und die Organisation fertigmacht.“

Einige Führer der Muslimbruderschaft wurden bereits nach dem Umsturz verhaftet. Gegen andere, wie Mohammed Badia, den Chef der Organisation, liegen Haftbefehle vor. Die Gesuchten halten sich mit den Dauerdemonstranten unter den Mursi-Anhängern bei einer Moschee in der Vorstadt Nasr City auf. Zugriff auf sie werden die Behörden erst dann haben, wenn sie die Kundgebung gewaltsam räumen. Denn von selbst werden die dort Versammelten nicht weichen. „Sie haben uns alles gestohlen, die Revolution (von 2011), die Wahlen“, ereifert sich der Mursi-Anhänger Mohammed Saki. „Und jetzt will Al-Sisi, dass Ägypter ihre Waffen auf Ägypter richten. Schande über ihn!“

USA legen sich nicht fest

Die USA wollen sich nicht festlegen, ob es sich beim Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi um einen Staatsstreich der Armee handelte oder nicht. „Es ist nicht in unserem nationalen Interesse, eine solche Entscheidung zu treffen“, sagte Jennifer Psaki, Sprecherin im US-Außenministerium, am Freitag. Eine Fortsetzung der Hilfen für Kairo sei mit US-Gesetzen vereinbar, fügte die Sprecherin hinzu. Die Regierung werde dabei mit dem Kongress zusammenarbeiten. Bisher hieß es in Washington, die USA dürfen Machthabern, die eine demokratische Regierung zu Fall bringen, keine Unterstützung gewähren.