Bezahlsystem

Das Smartphone wird zur Geldbörse

Der Discounter Netto macht mit einer App das Bezahlen via Handy in Deutschland möglich. Andere Länder sind schon viel weiter

Wer an der Supermarktkasse steht und bemerkt, dass er die Geldbörse zu Hause hat liegen lassen, muss nicht unverrichteter Dinge wieder gehen: Zumindest in den bundesweit über 4000 Filialen von Netto Marken-Discount kann man seit ein paar Wochen das Handy zücken, um seinen Einkauf zu begleichen. Als erste Supermarkt-Kette hat die Edeka-Tochter eine Smartphone-App für’s Bezahlen herausgebracht. Visionäre der Branche predigen schon lange, dass es eines Tages möglich sein werde, mit dem Mobiltelefon zu bezahlen. Egal, ob an der Supermarktkasse oder im Internet: Mit einem Klick sowie der Bestätigung durch die Eingabe einer PIN-Nummer soll alles erledigt sein. Doch bislang ist es bei den Ideen geblieben: Diverse Systeme verschiedener Firmen und Banken konnten sich nicht durchsetzen – zumindest in Deutschland.

Dabei ist der Bedarf auch hierzulande vorhanden: Viele Handy-Nutzer würden gerne sämtliche Zahlungsgeschäfte digital vornehmen und das Portemonnaie durch das sogenannte „Mobile Wallet“ ersetzen, ergab eine Umfrage des Hightech-Verbandes Bitkom. Von den Befragten kann sich jeder Siebte vorstellen, komplett auf seinen Geldbeutel zu verzichten und nur noch mit dem Smartphone zu bezahlen. „Viele Verbraucher werden demnächst ohne Portemonnaie aus dem Haus gehen und mit dem Handy zahlen“, ist Bitkom-Präsident Dieter Kempf überzeugt.

Keine teure Infrastruktur

Netto startet nun einen Versuch, dem Bedarf ein praktisches System gegenüberzustellen. Dabei verzichtet das Unternehmen auf kostspielige Infrastruktur wie etwa Sensoren für die Nahfeldkommunikation, wie sie beispielsweise Google für sein mobiles Bezahlsystem „Google Wallet“ vorsieht. Es reichen ein Smartphone, eine Internetverbindung sowie die per Passwort freigeschaltete, hauseigene Netto-App. Nach Eingabe des Passworts bekommt der Kunde einen Zahlencode übermittelt, den er dem Kassierer zuruft – fertig. Der Bon landet im Handy, der Einkaufsbetrag wird per Online-Lastschriftverfahren von dem bei der Registrierung verifizierten Konto abgebucht. Der Discounter erhofft sich dadurch eine stärkere Kundenbindung.

Doch Deutschland ist, was das Bezahlen mit dem Handy betrifft, eher ein Entwicklungsland und hinkt Afrika, Indien und Österreich hinterher. Allein in Kenia hat der vom Mobilfunkbetreiber Safaricom angebotene Dienst „M-Pesa“ („mobiles Geld“) bereits zehn Millionen Nutzer, jeder dritte Einwohner zahlt mit der Handy-Geldbörse. Fast alle Supermärkte, dazu Elektrizitätswerke und die Post, akzeptieren die Bezahlung damit. Manche Firmen zahlen ihren Mitarbeitern sogar das Gehalt aufs Handy.

Das System funktioniert denkbar einfach – und ganz ohne App: Wo europäische und US-Handys eine Fotofunktion haben, hat die Safaricom-SIM-Karte eine Kontofunktion. Diese lässt sich ganz einfach aktivieren: Notwendig ist nur die Registrierung in einem der mehr als 11.000 über das ganze Land verteilten M-Pesa-Shops. Dann bekommt der Kunde eine Nummer und ein Passwort – und sein Handy ist zugleich sein Konto.

Die Shops gibt es in jedem Dorf und in den Metropolen Nairobi und Mombasa an jeder Straßenecke. Dort kann man Bargeld auf sein Handy-Konto einzahlen – oder es sich auszahlen lassen. Überweisungen sind möglich, man braucht dazu lediglich die Handynummer des Empfängers. Mehr als 200 Millionen Euro werden in Kenia Monat für Monat via Handy umgesetzt – so viel wie mit Kreditkarten. Die Zeitungen nennen Nairobi bereits „Welthauptstadt der mobilen Geldtransfers“. Auch in anderen Ländern Afrikas und des Nahen Ostens bieten Firmen mobile Geldtransfers an – selbst in dem vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg zerrütteten Somalia.

Allerdings lösen die Handybezahlsysteme in Entwicklungsländern Probleme, die es in der westlichen Welt so gar nicht gibt: In Kenia etwa verfügen nur 15 Prozent der Erwachsenen über ein Bankkonto, von einer EC-Karte ganz zu schweigen. Früher war eine strapaziöse Reise im Kleinbus nötig, um als Städter in sein weit abgelegenes Heimatdorf zu gelangen, nur um die dort lebenden Verwandten mit Bargeld zu versorgen. Man lief Gefahr, einem Raubüberfall zum Opfer zu fallen und das ganze Geld zu verlieren. Heute tätigt man einfach eine Handy-Überweisung.

Wer dagegen in Europa oder Amerika seinen Verwandten Geld schicken will, nutzt dafür eine normale Banküberweisung. Wer bargeldlos bezahlen möchte, nimmt seine EC-Karte. In der westlichen Welt ist die Konkurrenz für Handy-Bezahlsysteme einfach viel größer. Doch es ist trotzdem durchaus möglich, dass sich mobile Bezahlsysteme auch bei uns durchsetzen. Beispielhaft zeigt das „Paybox“, das vor zwölf Jahren in Österreich an den Start ging und sich etabliert hat.

Erfolge bereits in Österreich

Fünf Millionen Österreicher – rund 60 Prozent der Bevölkerung – sind dafür registriert. „Wir sind ein im Mobile-Payment-Bereich hervorragend etablierter Spezialist“, erklärt Paybox-Chef Hans Langenbach. „In der Verknüpfung von Mobilfunk- und Bank-Know-how setzen wir auch international Maßstäbe.“

Die Nutzer können mit ihrem Mobiltelefon und einer PIN-Nummer in vielen Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxen sowie an Automaten und im Internet bezahlen. Außerdem kann man sich gegenseitig Geld auf sein Handy schicken. Das mobile Bezahlen funktioniert mit jedem Mobiltelefon und in allen österreichischen Mobilfunknetzen.

Nun könnte der deutsche Markt folgen. Auch die Internetbank Paypal will mit ihrer App „QRShopping“ den Markt aufmischen. Die Amerikaner wollen nicht nur das Bezahlen, sondern das Einkaufen selbst revolutionieren: Statt sich die Produkte aus dem Laden zu besorgen, sollen die Smartphone-Nutzer nur einen QR-Code im Schaufenster einscannen und sich die Waren auf diese Weise bestellen und liefern lassen – das soll das Einkaufen zu jeder Tages- und Nachtzeit und ohne Anstehen an der Kasse ermöglichen. „Window-Shopping“ nennt Paypal seine Idee.