Kirche

Der Papst verdammt Drogen

Franziskus plädiert gegen die Legalisierung von Rauschmitteln. Doch das kommt vielen Politikern in Südamerika ungelegen

Ausgerechnet nach dem Besuch in einer Drogenentzugsklinik in Rio de Janeiro erteilte Papst Franziskus allen Anhängern eines radikalen Kurswechsels in der Anti-Drogen-Politik eine klare Absage. „Das Übel des Drogenhandels, das Gewalt fördert und Schmerz und Tod sät, erfordert ein mutiges Handeln der gesamten Gesellschaft“, sagte das Kirchenoberhaupt bei seinem Brasilien-Besuch. Eine Liberalisierung des Drogenkonsums sei das falsche Mittel. Es war Franziskus’ erste gesellschaftspolitische Aussage zu einem der akutesten Probleme Lateinamerikas, das in Wirklichkeit ein globales ist. Und sie war eindeutig – und unbequem.

Franziskus geht damit in einem entscheidenden Punkt auf Konfrontationskurs zu aktuellen Strömungen in der lateinamerikanischen Politik. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Benedikt XVI., der die Frage stets nur theoretisch ansprach, setzt der Argentinier auf Klartext. Am Tag zuvor noch hatte Uruguays Präsident José Mujica in einem Interview einen radikalen Kurswechsel in der Drogenpolitik gefordert. „Wir müssen der Mafia diesen Markt rauben“, sagte der ehemalige Guerilla-Kämpfer.

Eine Handvoll Euro

Quer durch alle politischen Lager in Lateinamerika gibt es eine Stimmung, die sich für eine Regulierung des Drogenmarktes durch den Staat ausspricht und damit vor allem der von den USA vorgegebenen militärischen Strategie widerspricht. Die Idee dahinter ist einfach: Legalisiert der Staat die Drogen, kontrolliert und reguliert er ihre Produktion, den Vertrieb und den Umsatz, dann entreißt er der Drogenmafia die immense Gewinnmarge und macht den Handel unattraktiv. Für ein Kilo Kokain müssen in Moskau oder Los Angeles rund 80.000 Euro auf den Tisch gelegt werden. In der tatsächlichen „landwirtschaftlichen Produktion“ würde es nur eine Handvoll Euro kosten. Der Rest der Kosten summiert sich aus Schmuggel, Korruption und Schwarzmarktgewinnen.

Ob eine Legalisierung der Drogen einen Umschwung bringt, ist eine Glaubensfrage unter den Befürwortern und Gegnern der Legalisierung. Auch in Reihen der katholischen Kirche, vornehmlich bei denen, die in den Krisenländern Lateinamerikas an den Brennpunkten des Drogenkriegs arbeiten, die am heftigsten vom Drogenkrieg betroffen sind wie Mexiko oder Kolumbien, mehrten sich zuletzt Stimmen, die ein Umdenken forderten. Sie dürften von der klaren Absage des Papstes enttäuscht sein.

Franziskus geht damit den schwierigeren Weg. Er will das Problem bei den Wurzeln packen: Man muss die Probleme angehen, die dem Drogenkonsum zugrunde liegen, „indem man sich für mehr Gerechtigkeit einsetzt“, sagt er. Armutsbekämpfung sei die beste Präventivpolitik. Was er damit meint, ist täglich in den Armenvierteln von Tijuana in Mexiko bis Buenos Aires in Argentinien zu sehen. Jugendliche ohne Perspektive, Ausbildung und Arbeit sind ein leichtes Opfer für die Rekrutierungen der Drogenbanden.

Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) hatte zuletzt die schrittweise Entkriminalisierung von Drogen als eine Strategie gegen die mächtige Drogenmafia nicht mehr ausgeschlossen. Kernthese einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie ist, den Gebrauch von Drogen künftig nicht länger als Straftat, sondern als ein gesundheitliches Problem zu betrachten. Vorangegangen war eine Initiative des kolumbianischen Staatspräsidenten Juan Manuel Santos beim jüngsten Amerika-Gipfel in Cartagena. Santos gehört zur Fraktion derjenigen Politiker, die ein Umdenken fordern.

In Mexiko sind allein in den vergangenen sechs Jahren mehr als 70.000 Menschen dem Krieg gegen die Kartelle zum Opfer gefallen, ohne dass der Einfluss der Mafia spürbar gesenkt wurde. In Kolumbien hat der bewaffnete Konflikt zwischen linker Guerilla, rechten Paramilitärs und der Armee, der in Wahrheit ein Kampf um die Drogenpfründen ist, seit 1958 rund 220.000 Menschen das Leben gekostet und fast fünf Millionen Binnenflüchtlinge produziert.

Trotzdem sieht der Papst den Kampf nicht als aussichtslos an. Er ruft zur Unterstützungen all jener auf, die in die Abhängigkeit geraten sind. Sie ermutigte der Papst, nicht aufzugeben. „Lasst euch nicht die Hoffnung stehlen.“ Nur mit festem Willen sei die Herausforderung zu stemmen: „Niemand kann stellvertretend für dich hochkommen.“

Die Kirche sieht der Papst als einen wichtigen Wegbegleiter und appellierte an die christlichen Helfer: „Verrichtet ihn (den Dienst) immer mit Liebe; es ist ein Dienst an Christus, der in den Brüdern und Schwestern gegenwärtig ist.“ Die Arbeit für die Gesellschaft sei unendlich kostbar. Die Opfer der Sucht dürfe die Welt nicht länger alleine lassen, sagt der Papst. Man müsse sie begleiten und ihnen Hoffnung in die Zukunft schenken, sagte Franziskus vor mehreren Hundert Patienten und Angehörigen, Ärzten und Pflegern des Krankenhauses São Francisco de Assis.

In diesem Punkt ist der Papst mit der Politik wieder auf einer Linie. Auch der Generalsekretär der OAS, José Miguel Insulza, räumte ein, dass die Politik die Drogenabhängigen künftig anders behandeln muss: „Es ist ein eindeutiger Widerspruch, dass man einerseits einen Drogenabhängigen wie einen kranken Menschen behandeln, andererseits aber seinen Drogenkonsum bestrafen will.“ Mit seinem Besuch der Favela Varginha in Rio de Janeiro setzte Franziskus ein Zeichen, das zu seinen Worten passt. Seine Botschaft kommt an: In den Armenvierteln Lateinamerikas ist der Kampf gegen die Drogen zu gewinnen, wenn man in die Menschen und ihre Zukunft investiert. Man darf sie nur nicht alleine lassen.