Medizin

Nachts im Treppenhaus

Drei Prozent aller Kleinkinder und Erwachsenen wandeln im Schlaf umher. Wirksame Therapien gibt es bislang nicht

Die Uhr zeigt exakt 23.13 Uhr – und im Schlaflabor wird es richtig spannend: Mit offenen Augen und verschreckter Miene steht ein junger Mann aus seinem Bett auf. Wenige Sekunden später setzt er sich sich wieder auf die Bettkante, murmelt ein paar unverständliche Worte und versucht, die Kabel von seinem Kopf zu lösen. Das klappt nicht.

Die angeschlossenen Geräte zeichnen weiter die Hirnströme des 16-Jährigen auf. Es sind Delta-Wellen, das typische Zeichen des Tiefschlafs – allerdings ungewöhnlich langsamen, aber dafür mit besonders starken Ausschlägen. Der Teenager ist ein Glückfall für die Wissenschaft: ein Schlafwandler in Aktion.

Vor einigen Jahren berichteten Ärzte um den Neurologen Claudio Bassetti von der Universitätsklinik Bern im Fachblatt „The Lancet” von diesen traumhaften Aufzeichnungen im Schlaflabor. Denn nur selten können Forscher dort das Phänomen des Schlafwandelns beobachten und detailliert analysieren.

Schlafwandler werden zwar gewöhnlich nach allen Regeln der Kunst von Kopf bis Fuß verkabelt, damit Forscher Hirnaktivität, Atmung, Puls oder Muskelspannung genau untersuchen können. Doch die vielen Stolperfallen verhindern oft genau jenes Phänomen, das die Forscher so interessiert – das Schlafwandeln. „Wir würden das gerne besser untersuchen können”, sagt Professor Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums an der Berliner Charité. “Aber leider schlafwandeln Schlafwandler im Schlaflabor nur selten. Dann stehen sie auf, ziehen sich die Puschen an, wollen loslaufen, bleiben aber an den Kabeln hängen und werden wach.” Oder sie legten sich gleich wieder hin. Noch schwieriger seien Untersuchungen per Computertomograf (CT) oder Magnetresonanztomograf (MRT).

Auch im Berner Schlaflabor hatten die Forscher nicht sofort Glück. In der ersten Nacht schlief ihr schlafwandelnder Patient seelenruhig durch. Erst in der zweiten wurde er aktiv. Seit seiner Kindheit hatte der junge Mann mehrmals wöchentlich nächtliche Streifzüge unternommen, manchmal sogar mehrmals. Sein jüngerer Bruder, Mutter und Großmutter sind auch Schlafwandler – ein Hinweis auf eine genetische Veranlagung des Phänomens. Rund 80 Prozent aller Schlafwandler haben mindestens einen Verwandten, der nachts ebenfalls ungewollt unterwegs ist. Eine finnische Zwillingsstudie ergab, dass die Wahrscheinlichkeit, dass beide Geschwister als Erwachsene schlafwandeln, bei eineiigen Zwillingen fünf Mal höher liegt als bei zweieiigen. Doch abgesehen von solchen Details wissen Forscher erstaunlich wenig über das Schlafwandeln – trotz der Tatsache, dass dieses extrem auffällige Phänomen in der Bevölkerung gar nicht so selten vorkommt, vor allem bei Kindern. Studien zufolge tritt Somnambulismus bei etwa drei Prozent aller Kleinkinder auf. In der Pubertät sinkt die Häufigkeit wieder, bis schließlich auf etwa drei bis vier Prozent im Erwachsenenalter.

Dass gerade Kinder oft schlafwandeln, hängt vermutlich mit ihrer speziellen Schlafstruktur zusammen. Grundsätzlich unterscheiden Forscher zwei Schlafphasen: den REM-Schlaf (Rapid Eye Movement), gekennzeichnet durch schnelle Augenbewegungen unter den geschlossenen Lidern, und den Nicht-REM-Schlaf, zu dem der Tiefschlaf mit seinen charakteristischen Deltawellen zählt. Während einer Nacht wechseln Schläfer zyklisch im Abstand von etwa 90 Minuten zwischen diesen Phasen hin und her, wobei der Tiefschlaf im ersten Drittel der Nacht überwiegt, der REM-Schlaf dagegen im letzten. Schlafwandeln tritt laut Definition ausschließlich im Tiefschlaf auf und damit bevorzugt in der ersten Nachthälfte. Kinder sind vermutlich deshalb häufiger betroffen, weil sie – im Vergleich zu Erwachsenen – besonders viel Zeit in dieser Phase verbringen.

Hirnareale schlafen

Inzwischen gehen Forscher davon aus, dass bei Schlafwandlern manche Hirnareale schlafen, während andere wach sind – etwa jene zur Steuerung der Motorik oder zum Erkennen anderer Menschen. Die Untersuchung des Berner Patienten bestätigte dies. Das für die Motorik wichtige vordere Kleinhirn und der posteriore zinguläre Kortex, zuständig für die Orientierung und die Verarbeitung emotionaler Reize, wurden um 25 Prozent stärker durchblutet als bei anderen Menschen im Wachzustand. Deutlich gedrosselt war dagegen die Durchblutung von Teilen des präfrontalen Kortex, der etwa für das Urteilsvermögen wichtig ist. „Es gibt Elemente von Wachheit, da Schlafwandler Handlungen wie Waschen, Öffnen und Schließen von Türen oder Treppensteigen ausführen können”, erläutert Antonio Zadra vom Hopital du Sacré-Coeur in Montreal, der das Phänomen seit Jahren erforscht. „Ihre Augen sind offen, und sie können Menschen erkennen.“

Überhaupt sind manche Menschen in dem Zustand, der mitunter über eine halbe Stunde andauern kann, zu erstaunlich komplexen Dingen fähig. Einige radeln durch die Gegend, andere sitzen im Auto hinterm Steuer. Manche wundern sich am nächsten Tag über umgestellte Möbel oder zubereitetes Essen auf dem Herd oder im Backofen. „Die wachen morgens auf und wissen: ‘Es ist etwas passiert, aber ich weiß nicht was’”, berichtet Professor Thomas Wetter vom Universitären Schlafmedizinischen Zentrum Regensburg. Auch wenn Kinder wesentlich häufiger schlafwandeln, so sind es vor allem Erwachsene, die wegen des Phänomens Hilfe bei Schlafmedizinern suchen. „Oft drängt der Partner, der das geklärt haben will, weil er nicht weiß, wie er damit umgehen soll“, erzählt Wetter. Manche Patienten kommen auch aus eigenem Antrieb: etwa aus Scham wie jener junge Mann, der nachts nackt durch das Treppenhaus geisterte.

Aus einem weiteren Grund kann der Gang zum Schlafmediziner wichtig sein: Oft lässt sich Schlafwandeln nur schwer von anderen motorischen Schlafstörungen abgrenzen. So tritt etwa nächtliches unkoordiniertes Umsichschlagen im REM-Schlaf auf. Mit Schlafwandeln hat das wenig zu tun. „Man muss die Diagnose klar stellen, denn andere Schlafstörungen erfordern eine andere Therapie“, sagt Wetter. Oft helfen gegen Schlafwandeln simple Tricks: Wichtig ist ein regelmäßiger Schlafrhythmus mit genügend Nachtruhe. Ein Schlafdefizit steigert den Tiefschlafdruck – und damit das Schlafwandel-Risiko.

Dennoch bemängelten kanadische Forscher um Zadra erst kürzlich: „Gut geplante klinische Studien zur Therapie chronischen Schlafwandelns gibt es praktisch nicht.” Und was soll man tun, wenn man einen Schlafwandler ertappt? Bloß nicht erschrecken, rät Fietze. „Ich würde ihn ansprechen und ins Bett zurückleiten.”