Gerichtsverhandlung

Sekt unter dem Porträt von Hitler

NSU-Prozess: Ex-Nachbar beschreibt Beate Zschäpe als freundlich, gesellig und spendabel

Beate Zschäpe trank gern mal ein Sektchen im Kreis ihrer Nachbarn. Und dabei hatte sie stets ein Porträt von Adolf Hitler vor Augen. Dort im Keller der Frühlingsstraße 26, wo sich ein paar Zwickauer oft zu Gesprächen nach der Arbeit trafen, stand nämlich Hitlers Antlitz auf dem Fernseher. „Das war von allen toleriert“, sagte Zeuge Olaf B. Was war das eigentlich für ein Haus? Dort im Norden von Zwickau soll Zschäpe jene 120 Quadratmeter große Wohnung in Brand gesetzt haben, in der sie mit ihren beiden Freunden und zwei Katzen mehrere Jahre wohnte.

Gründlich hat das Münchner Oberlandesgericht anhand von Fotos und Zeugenaussagen den Schutt durchkämmt, der bei der Explosion entstanden war. Die Handwerker, die gerade Wohnungen in dem stattlichen Haus renovierten, waren als Zeugen angereist. Der Hausverwalter hatte sich ausgelassen über den Zustand des zuvor zwangsverwalteten Anwesens. Doch zum ersten Mal wurde jetzt offensichtlich, wes Geistes Kind zumindest manche jener Leute gewesen sein könnten, die sich regelmäßig in Olaf B.s Keller trafen.

Jener Olaf B., im Baugewerbe selbstständig, wies vor Gericht zwar jeglichen Verdacht einer rechten Gesinnung von sich. Das Hitlerbild: nur ein Andenken an einen verstorbenen Mitbewohner, dessen Wohnung man ausgeräumt habe. Der Jutesack mit Hakenkreuz, der in seiner Wohnung lag? Gefunden, bei einer Entrümpelung. Der Kübelwagen mit Eisernem Kreuz, den der 44–jährige B. besitzt? Das Eiserne Kreuz, belehrte Olaf B. den Vorsitzenden Richter wichtigtuerisch, sei das Abzeichen der Bundesrepublik Deutschland, das Gericht solle sich doch mal den Flieger der Bundeskanzlerin anschauen. Auffällig ist schon, dass B. keinerlei Groll zu hegen scheint gegen seine ehemalige Nachbarin – und das, obwohl sie seine Heimstatt in Brand setzte und letztlich veranlasste, dass das Haus, in dem er wohnte, abgerissen wurde. Er habe alles verloren und ganz von vorn anfangen müssen, so B., der von der Stadt Zwickau entschädigt wurde. Auffällig waren auch die Erinnerungslücken, die sich stets auftaten, sobald B. nach Inhalten von Gesprächen mit Zschäpe gefragt wurde. Oder auch nur einschätzen sollte, wie oft die „liebe, gute Nachbarin“, wie B. die Angeklagte beschrieb, sich zu ihm und seinen Freunden in den Keller oder Hof setzte. Offenbar hat sich Zschäpe in dem Umfeld wohlgefühlt. Ihre beiden Männer hatte sie den Nachbarn als „meinen Freund und dessen Bruder“ vorgestellt, um Gerede vorzubeugen. Sie seien selten zu Hause, weil sie Autos überführen würden. Das wurde, glaubt man B., auch klaglos hingenommen.

Der NSU-Prozess ist immer noch im Frühstadium. Bisher sind fast nur „Profi-Zeugen“ zu Wort gekommen, Ermittler, Polizisten, Sachverständige. Doch bei jenen, die direkt mit den Angeklagten zu tun hatten, fällt auf: Viele halten sich seltsam zurück, scheinen sich ihre Worte zu überlegen. Manche schweigen womöglich aus Angst, zwei Zeugen zumindest haben das hinter vorgehaltener Hand nach Prozessende bereits angedeutet.