Kommentar

Triumph der Normalität

Thomas Kielinger über die Briten und die Bedeutung des „royal baby“ von William und Kate

Was macht die britische Insel so attraktiv? An militärischer Macht kann es nicht liegen, an der britischen Politik, so unscharf, wie sie ist, auch nicht. Und auch nicht an der britischen Wirtschaft, ächzend unter den Bedingungen der Austerity. Dafür besitzt England einen Reichtum an „soft power“, wie der Harvard-Professor Joe Nye den Gegensatz zur politisch-militärischen Dominanz definierte. Damit meinte er all jene Elemente nationaler Ausstrahlung, die überall auf der Welt als Signal fortlaufender Relevanz ernst genommen werden. In dieser Kategorie spielt Großbritannien an erster Stelle mit. Die globale Nachrichtenbörse verzeichnet fast alles, was auf der Insel passiert, mit großer Aufmerksamkeit, ob es Theaterereignisse sind, wissenschaftliche Entdeckungen, Mode und Pop oder eine Buchsensation wie jüngst der neue Krimi der JK Rowling. Immer sitzt die Welt mit im Parkett.

Unter allen Aktivposten kommt der britischen Monarchie überragende Bedeutung zu, schon allein, weil sie konstitutionell in fünfzehn weiteren Staaten des Globus mitbestimmt. Denn dort, von Kanada bis Tuvalu, von Australien bis Belize ist der britische Monarch ebenfalls Staatsoberhaupt. Das macht diese Institution einmalig, begründet ihre Internationalität, was sie von allen Königshäusern der Welt abhebt.

Kein Wunder also, dass das globale Dorf bei der Geburt eines neuen Königskindes – noch dazu eines Thronfolgers – aus dem Häuschen gerät. Viel an dieser Fixierung auf die britische Königsfamilie mag auf reinen mediengeleiteten Celebrity-Rummel zurückgehen. Aber nicht nur. Der Mensch in seinem oft von Sorgen beschwerten Alltag macht gerne halt und delektiert sich an jener „Familie auf dem Thron“, an der schon Walter Bagehot, der berühmte Verfassungstheoretiker, vor 150 Jahren die Ausstrahlung der Monarchie festmachte.

Diese Familie, die Windsors, stand vor zwanzig Jahren wie vor ihrem Ende. Eine schier unaufhörliche Reihe von Skandalen und Ehekriegen schien darauf hinzudeuten, dass hier eine alte aristokratische Linie ausgedient hatte und keine Auffrischung abzusehen war. Unvergesslich das „annus horribilis“, wie die Queen es selber nannte, 1992, das Jahr, in dem die Scheidung des Thronfolgers bekannt gegeben wurde und zu allem ominösem Unglück auch Schloss Windsor fast in Flammen zu versinken drohte. Dann 1997 der Tod Dianas – schreckliche Jahre.

Lang ist’s her. Wie magisch hat sich das Königshaus von seinen Krisen erholt. Heute steht es stabiler da als Institutionen wie Parlament, Banken oder die Kirche. Viel hat die Ankunft einer Bürgerlichen, Catherine Middleton, im königlichen Ambiente damit zu tun. Sie bringt einen Wertekatalog bürgerlicher Erdung mit, den Triumph der Normalität über höfische Steifheit. In ihr und dem Herzog von Cambridge verbinden sich natürliche Informalität mit höfischem Profil, die Modernität mit der Tradition. Ihrer beider Kind festigt das Königshaus bis in die dritte Generation. Wer hätte das vor 20 Jahren vorauszusagen gewagt?