Kirche

Besuch in einem gespaltenen Land

Brasilien feiert Papst Franziskus begeistert. Polizei entschärft Bombe auf der Reise-Route

Draußen jubeln die Menschen dem Papst zu, drinnen hat sich die Politik verbarrikadiert. Im Palácio Guanabara sind sie unter sich – die Führungsriege um Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff, die sichtlich bewegt den ersten „lateinamerikanischen Papst“ begrüßt. Die unzähligen Minister ihres Kabinetts, die Kritiker der Korruption in Brasilien als „Dilma und die 40 Räuber“ verspotten, treffen den Papst hinter verschlossenen Türen.

Die sozialen Unruhen und Proteste der vergangenen Wochen haben Spuren hinterlassen, die unübersehbar sind. Brasiliens Politik ist eingeschüchtert, geradezu verängstigt. Hunderte schwer bewaffneter Polizisten hatten sämtliche Zufahrtsstraßen abgesperrt. Zwischen dem Palast und den draußen wartenden Demonstranten haben sie einen Sicherheitskordon gezogen. Es fliegen ein paar Molotowcocktails, aber insgesamt bleibt es ruhig. Doch die Angst vor der Eskalation ist überall zu spüren. Brasilien ist seit den Protesten im Juni ein anderes Land geworden.

Fahrt durch die Stadt

Die Absperrungen sind üblich bei derartigen Besuchen, und doch demaskiert die Reise von Franziskus viele der eingefahrenen Mechanismen in der Politik als Allüren einer Elite. Der Papst bestand trotz aller Warnungen der Sicherheitsleute zum Auftakt seines einwöchigen Besuchs zum Weltjugendtag in Rio auf einer Fahrt mitten durch die Stadt. Der Kontakt mit den Menschen ist für ihn das wichtigste Signal. Dass die Gefahr für das Kirchenoberhaupt real ist, zeigte eine andere Nachricht. Nahe der Marienbasilika von Aparecida wurde eine selbst gebaute Bombe gefunden. Der Sprengsatz befand sich in einer Toilette auf einem Parkplatz, Experten machten ihn unschädlich. Zu keiner Zeit habe Gefahr für die erwarteten Pilger bestanden, so die Polizei. Franziskus besucht den Wallfahrtsort am Mittwoch. Der Vatikan versucht zu beschwichtigen, doch wirklich beruhigend ist eine solche Nachricht in der chaotischen Atmosphäre des Besuchsauftakts nicht.

Zuvor spielten sich beeindruckende Szenen in den Straßen Rios ab – hoch emotional und sicher nicht von langer Hand geplant. So wie die von der jungen Mutter Marcela, die noch Minuten nach ihrer Begegnung mit dem Papst am ganzen Körper zittert. Die Freudentränen aus den Augen gewischt, umarmte und küsste sie ihren Sohn immer wieder. Der Papst hatte das Kind geküsst und dann die Mutter gesegnet. Der Zauber, der von diesem Moment ausging, kennzeichnet die ersten Tage des Papst-Besuchs. Vier Monate nach seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt ist dies seine erste Auslandsreise, die ihn gleich auf seinen Heimatkontinent führt.

Die Menschen in Brasilien haben das Gefühl, dass er einer von ihnen ist, kein Theoretiker wie Benedikt XVI. Ein Mann des Volkes, der seine schwarze Aktentasche selbst trägt. Und kein Politiker, der in Luxuskarossen sitzt. Franziskus stieg am Flughafen in Rio de Janeiro in einen unscheinbaren, silbergrauen Kleinwagen. Und manchmal gab es auch komische Bilder. Immer dann, wenn das Auto einen dieser unzähligen künstlichen Hügel auf den Straßen überfuhr, die dazu dienen, die Autofahrer an eine Geschwindigkeitsreduzierung zu erinnern, hüpfte der Papst im Wageninneren auf und ab wie ein Flummi. Auch der Stellvertreter Petris kann die Gesetze der Physik nicht außer Kraft setzen.

Aber er kann mit seiner Kraft die Kirche erneuern. Und all die Gesten und Signale, die Franziskus in den ersten vier Monaten seines Pontifikats aussendete, haben die Erwartungshaltung an den Besuch ins Uferlose wachsen lassen. In Rios Zentrum spürt Franziskus nun die ganze Wucht der Euphorie. Franziskus wollte es so. Die Menschen sollten ihm so nahe wie möglich kommen. Und das taten sie. Immer wenn die Kolonne des Papstes anhielt, und das tat sie angesichts der chaotischen Zustände und eines offensichtlich überforderten Kolonnenführers oft, stürmten die Passanten das päpstliche Fahrzeug.

Sie warfen Briefe, Pakete und kleine Geschenke in das Fahrzeug. Für die Sicherheitsleute ist das Szenario ein Albtraum, wenn es Tausende Arme bis in das Fenster des Autos schaffen. In dem Chaos ist nicht auszumachen, ob es nur eine digitale Kamera, ein Handy oder vielleicht doch eine Waffe ist, die da in Richtung Fahrzeug greift, in dem einer der einflussreichsten Menschen dieser Erde sitzt. Und so versuchen die Sicherheitskräfte, zumindest die Hände der Menschen nach unten zu schlagen, sodass sie den Papst nicht packen, anfassen oder gar attackieren können. Dabei kommt es fast zu Schlägereien. Die Momente zeigen, wie schwer es für einen Papst ist, sich den Menschen anzunähern.

Als der Kolonnenführer auch noch die Orientierung verliert und statt auf der eigens für den Papst gesperrten vierspurigen Straße in eine kleine Gasse neben einer Reihe geparkter Busse gelangte, ist das Chaos perfekt. Eingeklemmt zwischen Bussen und der Leitplanke sowie Tausenden von Menschen, die von überallher strömen, wirkt das Papstauto wie ein hilfloser Spielball. Obendrein musste auch noch ein quer stehender Polizeiwagen von der Straße geschoben werden. Aus der Luft betrachtet wirkte es, als ob ein Bienenschwarm um ein Auto kreiste und versuchte hineinzugelangen.

Gefährliche Situation

Papstsprecher Federico Lombardi sagte später, der Papst sei über den überaus herzlichen Empfang sehr erfreut. Hinter den Kulissen gab es allerdings auch Kritik, die Situation hätte nicht nur für den Papst, sondern auch für die vielen Menschen gefährlich werden können. Es fehlte nicht viel, und es hätte Verletzte oder gar Tote geben können.

In den nächsten Tagen wird der Papst für weitere spektakuläre Bilder sorgen, wenn er ein Armenviertel besucht, mit drogenabhängigen Jugendlichen spricht und in ein Gefängnis geht. Ordensschwester Maribel Perez, die in Rio Prostituierten ganz unten im Keller der Gesellschaft hilft, bringt die Begeisterung für den neuen Papst auf den Punkt: „Er ist einer von uns.“