Übernahme

Größer! Besser?

Auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt schluckt die Nummer 4 die Nummer 3 und wird die Nummer 1 . Was Sie als Kunde jetzt wissen müssen

In Deutschland entsteht ein neuer Mobilfunkgigant. Telefónica O2 will den Konkurrenten E-Plus übernehmen. Der neue Anbieter wäre nach Zahl der Mobilfunkkunden größer als die Deutsche Telekom, bisher Marktführer. Auch Vodafone wäre überholt. Die Zahl der Netzbetreiber würde sich von vier auf drei verringern. Das Vorhaben, das Telefónica und E-Plus jetzt bekannt gaben, würde den Mobilfunkmarkt hierzulande kräftig aufwirbeln. Allerdings müssen die Wettbewerbshüter der Übernahme noch zustimmen.

Telefónica lässt sich die Übernahme insgesamt acht Milliarden Euro kosten. Fünf Milliarden Euro bekommt die niederländische E-Plus-Muttergesellschaft KPN in bar. Zudem sichert sie sich 17,6 Prozent Anteil am fusionierten Unternehmen. Nach Angaben der Niederländer bewertet der Deal E-Plus mit insgesamt acht Milliarden Euro. Der neue Anbieter hätte damit mehr als 40 Millionen Mobilfunkunden und wäre auf einen Schlag Marktführer. Die Deutsche Telekom zählt in Deutschland 37 Millionen Kunden, Vodafone rund 32 Millionen.

Über Jahre hinweg hatte sich an der Marktverteilung in Deutschland kaum etwas verändert. E-Plus und Telefónica O2 waren die ewigen Verfolger und kamen der Deutschen Telekom und Vodafone nicht näher. Die Unternehmen versprechen sich nun von der Übernahme Einsparungen von bis zu 5,5 Milliarden Euro, allerdings erst von 2019 an. „Wir müssen zwei sehr große und komplizierte Geschäfte zusammenbringen – das wird dauern“, sagte Rachel Empey, Finanzchefin von Telefónica Deutschland, in München.

Tatsächlich ist das Geschäft noch mit großen Unsicherheiten belegt. Fusionen von Unternehmen, die zusammen einen Weltumsatz von mehr als fünf Milliarden Euro machen, begutachtet die EU-Kommission. Angemeldet ist die Übernahme noch nicht. Beobachter erwarten Auflagen. Tatsächlich wäre die Ausstattung des neuen Anbieters mit Funkfrequenzen deutlich besser als bei den Konkurrenten. Hier müssen E-Plus und Telefónica möglicherweise Frequenzen abgeben.

Was ändert sich für E-Plus- und O2-Kunden?

Erst einmal gar nichts. Die bestehenden Verträge gelten weiter, mit allen Rechten und Pflichten. Kunden haben einen Anspruch darauf, dass ihr Vertrag voll erfüllt wird. Sollte sich trotzdem etwas ändern, geht das nur mit Zustimmung der Kunden. Die Wettbewerbshüter müssen die Übernahme noch genehmigen, ein Vollzug wird erst für Mitte 2014 erwartet. Erst dann werden Netze und Organisationen zusammengelegt. Das dürfte sich zwei weitere Jahre hinziehen.

Wird die Netzqualität besser?

Mit großer Wahrscheinlichkeit. Vor allem E-Plus-Kunden haben in der Vergangenheit immer wieder über die Qualität des mobilen Internets geklagt. Sie dürften dann von der besseren Frequenzausstattung bei Telefónica profitieren. Im Unterschied zu Telefónica hat E-Plus auch keine leistungsstarken 800-Megahertz-Frequenzen, die für eine großflächige Abdeckung mit superschnellem Internet vor allem in ländlichen Regionen notwendig sind.

Werden die Preise steigen?

Das ist unwahrscheinlich und im Telekommunikationsmarkt in Deutschland und Europa auch ohne Beispiel. Möglicherweise aber fallen die Preise weniger schnell. Hier kommt es auf die Auflagen der Wettbewerbsbehörden an.

Werden Stellen gestrichen?

Ja. Die Unternehmen wollen bis 2019 bis zu 5,5 Milliarden Euro sparen. Das funktioniert ohne Arbeitsplatzabbau nicht. Künftig würde das neue Unternehmen nur noch ein Management, eine Kommunikations- und Marketingabteilung und einen Vertrieb benötigen. Zur Höhe des Stellenstreichung wollten sich die Unternehmen noch nicht äußern. In der E-Plus-Gruppe arbeiten rund 4500 Beschäftigte, bei O2 sind es rund 5000.

Bleibt die Marke E-Plus?

Eher nicht, auch wenn die Unternehmen dazu noch keine Angaben machen. Aber schon in den vergangenen Jahren hat E-Plus seinen Unternehmensnamen nicht als Konsumentenmarke genutzt. Bekannt sind eher Marken wie Base, Simyo, Blau.de oder Ay Yildiz.

Kann die Übernahme noch scheitern?

Ja. Zwar ist nicht zu erwarten, dass die Aktionäre sich in großer Zahl dagegen aussprechen, doch müssen die Wettbewerbsbehörden zustimmen. Zuerst wird die EU-Kommission prüfen und den Vorgang dann möglicherweise an das Bundeskartellamt weiterreichen. Der Marktanteil von Telefónica und E-Plus zusammen würde ein Drittel übersteigen – was als Marktbeherrschung angesehen wird. Sollte es zu einer Zustimmung kommen, sind Vorgaben wahrscheinlich.

Welche Bedingungen könnten die Wettbewerbshüter stellen?

Sie könnten das neue Unternehmen zwingen, ihr Netz Dritten zu öffnen. Mit großer Wahrscheinlichkeit müsste das Unternehmen auch bestimmte Frequenzen an die Netzagentur zurückgeben, weil es sonst deutlich besser ausgestattet wäre als die Konkurrenten.

Wie werden sich Vodafone und Deutsche Telekom verhalten?

Die Deutsche Telekom hat einen entscheidenden Vorteil: Sie verfügt über ein Festnetzgeschäft. Auch Vodafone ist gerade dabei, sich mit der Übernahme von Kabel Deutschland in diesem Bereich zu stärken. Beide Konkurrenten werden künftig verstärkt Bündelangebote aus Mobilfunk, Festnetz und TV machen. Das neue Unternehmen aus Telefónica und E-Plus hat hier das Nachsehen. Telefónica hat zwar Breitband-Festnetzkunden, die Zahl sinkt aber seit vielen Quartalen.

Wie groß wird das neue Unternehmen?

Nach Verträgen würden das neue Unternehmen mit 44,2 Millionen die Deutsche Telekom und auch Vodafone überholen. Beim Umsatz sieht es anders aus, da reicht es nur für Platz 3. 2012 setzte die Telekom 58, 2 Milliarden Euro um, Vodafone kam auf 9,6 Milliarden Euro in Deutschland. O2 wies erlöse von 5,2 Milliarden euro aus. Bei E-Plus waren es 3,4 Milliarden Euro.