Forschung

Auch im hohen Alter zufrieden

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Andrea Barthélémy

Nicht nur die mobilen „Bestager“, sondern auch viele Menschen ab 80 Jahren sehen sich positiv

Altern ist nichts für Feiglinge, fand Schauspielerin Mae West. Ein Jammertal der Unzufriedenheit ist das Alter aber nicht. Gleich mehrere Studien zeigen, dass die meisten Menschen auch im hohen Alter zufrieden sind. „Ein typischer 75-Jähriger, oft sogar noch ein typischer 85-Jähriger, hat die gleiche Lebenszufriedenheit wie ein typischer 45-Jähriger“, sagt der Psychologe Denis Gerstorf von der Humboldt-Universität (HU).

In Deutschland gibt es rund 13.000 Menschen, die 100 Jahre oder älter sind. Heidelberger Forscher haben in einer repräsentativen Studie jüngst herausgefunden, dass drei Viertel der Hochbetagten weiterleben möchten. Im Vergleich zu früheren Generationen waren sie selbstständiger, geistig und körperlich fitter. Auch eine australische Altersstudie, für die mehr als 1200 Menschen zwischen 65 und 103 in den Jahren vor ihrem Tod befragt wurden, zeigt einen ähnlichen Trend. Gemeinsam mit kanadischen und australischen Forschern werteten Berliner HU-Psychologen diese Langzeitstudie jüngst aus. Demnach ändern auch im hohen Alter Krankheiten, ein abnehmendes Erinnerungsvermögen oder Einsamkeit langfristig wenig an der Zufriedenheit. „Der Verlust des Partners oder andere einschlagende Ereignisse gehen natürlich nicht unbemerkt vorüber, aber die Lebenszufriedenheit stellt sich oftmals wieder ein“, sagt Gerstorf. Erst kurz vor dem Tod komme die Anpassungsfähigkeit an Grenzen: Kognitive Fähigkeiten und Zufriedenheit sinken deutlich. Der positive Blick auf sich selbst bleibt jedoch oft noch stabil.

In einer zweiten Berliner Altersstudie werden seit einigen Jahren unter Leitung von Geriatrie-Experten der Charité vergleichbare Daten zur Lebenszufriedenheit von rund 1600 Senioren gesammelt und gesichtet. „Und die Ergebnisse sind ähnlich“, sagt Gerstorf. Weitere Kennzeichen für zufriedenes Altern ermitteln die Forscher im „Sozio-Ökonomischen Panel“. Seit 30 Jahren werden dafür jährlich Tausende Haushalte befragt. Aspekte wie Persönlichkeit, Bildung, Lebensstandard und die Überzeugung, sein Leben zu kontrollieren, spielten ebenso eine Rolle für die Zufriedenheit wie körperliche und psychische Gesundheit.

Als dritten Bereich definieren die Forscher die Umgebung, in der ein Mensch alt wird. „Wer zu Hause gut versorgt wird, Ärzte in Reichweite hat oder bei Bedarf Essen auf Rädern beziehen kann, ist zufriedener als einer, der sein gewohntes Umfeld verlassen und in ein Heim muss“, sagt Gerstorf.

In einer Studie mit älteren Ehepaaren untersucht sein Institut derzeit, wie sich Paare im Alter beeinflussen. „Wir sprechen von emotionaler Ansteckung: Wenn es meinem Partner gut geht, geht es mir auch gut. Aber ein Partner, der leidet, kann mich auch runterziehen.“ Vor allem von Ehepartnern, bei denen einer den anderen pflegt, sei eine Negativ-Spirale bekannt. Einen uneingeschränkt positiven Effekt haben hingegen Haustiere: HU-Psychologin Ursula Hess und ihre Kollegin Anne Springer von der Uni Potsdam untersuchten die Schmerztoleranz von Frauen mit Haustieren. Dabei mussten die Teilnehmerinnen ihre Hand in eiskaltes Wasser tauchen. Sie hielten länger durch, wenn sie statt einer Freundin ihren Hund neben sich hatten. Wegen dieser stützenden Funktion empfiehlt Hess, Menschen in Seniorenheimen Haustiere zu lassen.