US-Justiz

Eine Frage der Hautfarbe

Mit seiner Rede zum Fall Trayvon Martin spricht Barack Obama vielen Amerikanern aus dem Herzen und tröstet sie ein wenig

Kein US-Präsident seit den 60er-Jahren hat so wenig über die sogenannte Rassenfrage gesprochen wie Barack Obama. Seine Rolle war nicht die des ersten schwarzen Präsidenten, der je im Weißen Haus residierte; vielmehr hatte er (wohl nicht zuletzt auf Drängen seiner Berater) die Rolle eines Präsidenten zu spielen, der die Rassenfrage weit hinter sich zurückgelassen hatte. Aber dann erschoss der Latino-Amerikaner George Zimmerman im Februar 2012 Trayvon Martin, einen unbewaffneten schwarzen Teenager. Er habe in Notwehr gehandelt, sagte Zimmerman, der schwere Prellungen und andere Verletzungen erlitt. Weil sich all dies in Florida zutrug, einem US-Bundesstaat, wo „Nicht von der Stelle weichen“-Gesetze gelten, wurde Zimmerman erst einmal gar nicht angeklagt. Die Gesetze besagen, dass man nicht erst flüchten muss, ehe man sich gegen einen Angriff auf Leib und Leben verteidigt.

Da brach Obama sein Schweigen über die „Rassenfrage“: Er sagte, Trayvon Martin hätte sein Sohn sein können. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte die Debatte über den Fall wenig mit Parteizugehörigkeiten zu tun. Republikaner schwiegen oder stellten sich sogar auf die Seite Martins. Aber nach Barack Obamas Kommentar fingen viele amerikanische Konservative wie in einem Pawlowschen Reflex an, sich hinter George Zimmerman aufzubauen – als sei dies der natürliche Ort für sie.

Mittlerweile wurde Zimmerman in Florida vor Gericht gestellt, eine Jury hat ihn freigesprochen, die Empörung über diesen Freispruch ist groß. Die „Nicht von der Stelle weichen“-Gesetze spielten dabei übrigens gar keine Rolle. Täglich gibt es Demonstrationen. Sängerin Beyoncé und Rapper Jay-Z schlossen sich auf einer Kundgebung in New York den Forderungen nach einem neuen Prozess gegen Zimmerman an.

Nun hat Obama noch einmal sein Schweigen gebrochen: Er hat der „Rassenfrage“ eine eindringliche Rede gewidmet, die eine Viertelstunde dauerte. Der Präsident sprach frei. Es war eine sehr persönliche Rede; Beobachter sagen schon jetzt, es habe sich vielleicht um die wichtigste Ansprache seiner Präsidentschaft gehandelt.

Die alltägliche Angst

„Als Trayvon Martin erschossen wurde, sagte ich, das hätte mein Sohn sein können“, merkte Obama an. „Auf andere Art gesagt: Trayvon Martin, das hätte ich selbst vor 35 Jahren sein können. Und wenn man darüber nachdenkt, warum es unter Amerikanern afrikanischer Herkunft viel Schmerz über das gibt, was hier passiert ist, so muss man verstehen, dass die schwarze Gemeinschaft es durch das Prisma von Erfahrungen und einer Geschichte betrachtet, die nicht vergeht.“ Schwarze Männer würden in Amerika immer noch mit Misstrauen betrachtet: Man folge ihnen, wenn sie in einem Kaufhaus einkaufen gingen; die Knöpfe in Autotüren gingen plötzlich hoch, wenn ein Schwarzer die Straße überquere – all dies sei auch ihm, Obama, passiert, wenigstens, als er noch nicht Senator war. Viele weiße Damen drückten die Handtasche an sich und hätten Angst, wenn ein Schwarzer sich im Aufzug zu ihnen stelle.

Die schwarze Gemeinschaft in Amerika sei sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass schwarze Männer „in überproportional hohem Maß sowohl Opfer als auch Gewalttäter sind“, sagte Obama. Statistisch gesehen sei die Chance sehr hoch gewesen, dass Trayvon Martin von einem anderen schwarzen Jungen erschossen würde. Allerdings wüssten die Amerikaner afrikanischer Herkunft, dass die hohe Kriminalität und die Armut in schwarzen Stadtvierteln eben etwas mit der „sehr gewalttätigen Vergangenheit in diesem Land“ zu tun hätten – eine Anspielung auf Sklaverei und Rassentrennung in den Südstaaten.

Jedenfalls gehört dies zu einer ehrlichen Debatte über das Verhältnis der Rassen in Amerika dazu: Die meisten Weißen in Amerika wechseln die Straßenseite, wenn sie einen Trupp junger schwarzer Männer in Kapuzen auf sich zukommen sehen – nicht aus Hass, sondern aus purer, nackter Angst. Und dies gilt nicht nur für Weiße.

Steven A. Holmes, ein schwarzer Reporter der „New York Times“, berichtete 1999, wie es war, als er nachts Taxi fuhr, um sich sein Studium zu verdienen: „Meine Toleranz und Rassensolidarität wurde jedes Mal geprüft, wenn ein lässig angezogener junger schwarzer Mann – vor allem einer in Turnschuhen – versuchte, mein Taxi anzuhalten. Meistens fuhr ich an ihm vorbei.

Manchmal fragte ich mich, wie sie wohl reagieren mochten, aber ich dachte immer: Wenn ich jetzt einen Fehler mache, bezahle ich dafür mit meinem Leben.“ Steven A. Holmes war zweimal ausgeraubt worden.

Obama erhielt für seine Rede viel Applaus – nicht nur von der linksliberalen „New York Times“, die schrieb: „Es ist großartig, dass dieses Land in Mr. Obama einen Präsidenten hat, der tun konnte, was er … getan hat. Traurig ist, dass wir ihn dazu immer noch brauchen.“ Sogar Robert Zimmerman, der Bruder von George, der in Florida freigesprochen wurde, fand an Obamas Rede nur Lobenswertes. Doch es gibt konservative Blogger, die Obama einen Rassisten nannten und ihm vorwarfen, er wolle einen Krieg zwischen Weißen und Schwarzen entfachen.

Am Schluss seiner Rede sprach der Präsident über die junge Generation. Er fragte, ob es mehr gebe, das Amerika für seine schwarzen jungen Männer tun könne, um ihnen das Gefühl zu geben, dass sie ihrem Land etwas bedeuteten. Aber: „Jede nachfolgende Generation scheint Fortschritte darin zu machen, ihre Haltung zur Rassenfrage zu verändern. Das heißt nicht, dass wir in einer postrassischen Gesellschaft leben. Es heißt nicht, dass wir den Rassismus ausgemerzt haben.“

Aber wenn er seine Töchter und ihre Freunde sehe, stelle er fest: „Sie sind im Hinblick auf dieses Thema besser, als wir es sind, besser, als wir es waren.“