Medizin

Arztbesuch per Internet

Telemedizin könnte Besuche in der Praxis überflüssig machen – und Milliarden Euro sparen

Wenn für den schwer herzkranken Robert Schneider aus dem Spreewald eine seiner Routineuntersuchungen ansteht, dann klappt er ein Köfferchen auf, entnimmt ein kleines EKG-Gerät, das kaum größer als ein Smartphone ist, und einen Blutdruckmesser und nimmt nach der Anleitung auf einem kleinen Tablet-PC die Messung vor. Der Computer fragt noch nach Gewicht und Wohlbefinden und schickt Schneiders Daten dann zu seiner Klinik. Schneiders dortiger Arzt ist so regelmäßig über das Befinden seines Patienten informiert – und kann schnell reagieren, wenn die Werte alarmierend sind.

Mit Hilfe der Telemedizin kann Schneider zu Hause bleiben und sich darauf verlassen, dass sein Arzt die Kontrolle behält. Telemedizin beinhaltet Behandlungen und medizinische Überwachung von Patienten durch Ärzte per Internet oder Telefon. Auch das Hinzuziehen eines Facharztes bei einer Hausarzt-Behandlung oder Operation auf digitalem Weg zählt dazu. Bundesweit gibt es rund 400 Projekte, die sich mit Telemedizin beschäftigen. Das Gesundheitswesen soll demografiefest gemacht werden und helfen, Kosten zu sparen. Richtig groß werden die Einsparpotenziale, wenn Telemedizin und digitalisierte Patientendaten kombiniert werden.

Direkter Draht zur Klinik

So hat die Firma Getemed aus Teltow bei Potsdam ein Telemonitoring-System für Herzkranke entwickelt, mit dem älteren Menschen ermöglicht wird, länger selbstbestimmt zu Hause leben zu können. Die oft schwerkranken Patienten erhalten von ihrer Klinik einen Koffer, der Messgeräte und einen Tablett-PC als Eingabegerät mit einfachen Bediensymbolen enthält. Durch regelmäßige Aufzeichnung lebenswichtiger Vitaldaten wie Gewicht, Blutdruck, EKG und Sauerstoffsättigung des Blutes sowie das aktuelle Befinden, lernen die Patienten mit ihrer Krankheit umzugehen. „Das schafft Selbstbewusstsein und durch die ständige Verbindung mit dem betreuenden Arzt via Datenleitung auch die nötige Sicherheit“, sagte Robert Downes, Entwicklungschef bei Getemed.

Das System ist in zwei Kliniken in Cottbus und Brandenburg (Havel) im Einsatz. Eine medizinische Studie mit rund 700 Patienten in Kooperation mit dem Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Berliner Charité beginnt bald. Das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart hat in Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse und Robert Bosch Healthcare das telemedizinische Betreuungsprogramm A.T.e.m. (Alltag mit Telemedizin erfolgreich meistern) gestartet, an dem bundesweit 300 Patienten mit chronisch-obstruktiver Atemwegserkrankung teilnehmen, deren Risiko für eine Einweisung ins Krankenhaus besonders hoch ist. Von zu Hause aus übermitteln die Betroffenen täglich Informationen wie Sauerstoffsättigung, Atemprobleme sowie Angaben zum allgemeinen Befinden nach Stuttgart. „Das Ziel ist, frühzeitig auf gesundheitliche Veränderungen reagieren zu können, Arztbesuche bedarfsgerechter durchzuführen und Krankenhausaufenthalte zu reduzieren“, sagt Mark Dominik Alscher, Chefarzt für Innere Medizin und ärztlicher Direktor des Robert-Bosch-Krankenhauses. Damit könne die Lebensqualität der Patienten verbessert werden.

Und die Krankenkassen könnten Milliarden Euro einsparen. In der EU leiden etwa zehn Millionen Menschen an Herzinsuffizienz, 20 Millionen an der Atemwegserkrankung und 60 Millionen an Diabetes. Laut Philips Home Health Care verursachten allein diese drei Erkrankungen Kosten in Höhe von 125 Milliarden Euro für die Gesundheitssysteme. Mit Tele-Managementsystemen und integrierten Versorgungsnetzwerken könnten Menschen mit chronischen Erkrankungen auch zu Hause effektiv versorgt werden. Mehrere klinische Studien hätten belegt, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen, die Dauer der Aufenthalte verringert und die Sterblichkeitsrate gesenkt werden könnten.

Telemedizin und digitalisierte Patientendaten rufen allerdings Datenschützer auf den Plan. „Aber je weiter sie sich von den Städten entfernen und aufs Land kommen, wo Telemedizin wirklich gebraucht wird, sinkt der Widerstand“, sagt Alscher. Dennoch ist die Fernmedizin noch immer nicht über die Projektphase hinausgekommen. Ein Grund: Es gibt noch immer keinen Gebührenschlüssel, mit dem telemedizinische Arztleistungen im Gesundheitssystem abgerechnet werden können. Die Spitzenverbände von Krankenkassen und Kassenärzten haben eine Rahmenvereinbarung unterschrieben, die Einigung im Detail steht noch aus. Kommt der Schlüssel, würde das der Telemedizin in Deutschland einen großen Schub verpassen. „In den USA und Großbritannien sind telemedizinische Lösungen sehr verbreitet. In Deutschland steckt der Einsatz allerdings noch in den Anfängen“, heißt es bei Philips.

Am englischen Gesundheitswesen könne sich Deutschland in dieser Beziehung ein Beispiel nehmen. Der staatliche National Health Service, der rund 90 Prozent des gesamten Gesundheitsmarktes abdecke, sei komplett vernetzt. Einen Grund nennt Alscher: „Die Medizin ist eine extrem konservative Wissenschaft, in der das Sicherheitsbedürfnis sehr hoch ist.“ Das sei innovationsfeindlich: „Wir sind verloren, wenn wir das Wissensmanagement nicht verbessern.“