Frankreich

Gut dran und schlecht gelaunt

Obwohl wirtschaftliche Daten für Frankreich sprechen, sind die Menschen unzufrieden. Auch Deutsche fühlen sich eher schlecht

Als Chefökonom von Unicredit kommt Erik Nielsen viel herum. Doch eine seiner jüngsten Geschäftsreisen nach Paris entpuppte sich für den langjährigen Chefvolkswirt als geradezu verstörend. Selten zuvor, so Nielsen, habe er erlebt, dass die notorisch ohnehin eher gedämpfte Stimmung der Franzosen so schlecht sei. Nielsen hat gut reden – er ist Däne, und als solcher ist er mit einem Heimatland gesegnet, dass in Umfragen von Wirtschaftsforschern und Glücksökonomen stets hervorragend abschneidet. Ganz anders hingegen Frankreich: Obwohl das Land auch nach fünf Jahren Euro-Krise noch immer zu einem der reichsten in der Welt zählt – und zu einem der beliebtesten Reiseländer obendrein –, ist es mit dem Glück der Franzosen nicht weit her.

Das zumindest legt eine Studie der Ökonomin Claudia Senik von der renommierten Paris School of Economics nahe. Demnach ist das Verhältnis zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und persönlicher Zufriedenheit in Frankreich besonders unausgewogen. „Frankreich ist mit Blick auf die Euro-Krise längst nicht am schlimmsten dran“, sagt Senik der Berliner Morgenpost.

Nur Portugiesen pessimistischer

Die Stimmung im Land sei aber deutlich schlechter als in allen anderen Euro-Ländern, mit Ausnahme Portugals. Und in Portugal sei der persönliche Wohlstand gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf immerhin deutlich geringer ausgeprägt. Mit anderen Worten: Während die miese Laune der Portugiesen vor allem auf die jahrelange Schuldenkrise und das harte Spardiktat der Regierung zurückzuführen sein dürfte, ist Frankreich aller Kritik zum Trotz nach wie vor vergleichsweise gut dran – und trotzdem schlecht drauf.

Die Pariser Ökonomin Senik versucht daher schon seit Jahren herauszufinden, warum ihre Landsleute so unglücklich sind. Denn Frankreich steckt nicht erst seit dem Ausbruch der Euro-Krise im Stimmungstief: Vielmehr schneiden die Franzosen seit Beginn der Glücksmessungen in den Siebzigerjahren in nahezu allen Umfragen traditionell schlecht ab.

An übergroßen Reformbelastungen kann es jedenfalls nicht liegen, dass die Franzosen notorisch pessimistisch gestimmt sind. Für Senik liegt das Hauptproblem daher in der Mentalität der Franzosen: „Das Glücksempfinden von Nationen ist offenbar auch kulturelle Einstellungssache. So sind Franzosen, die ins Ausland auswandern, signifikant unglücklicher als das Gros ihrer neuen Landsleute – vor allem dann, wenn sie zuvor das französische Schulsystem durchlaufen haben.“ Dieses sei geprägt von starren Strukturen, einer einseitigen Betonung von naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern und einer frustrierenden Notenvergabe.

„Auf die Talente des Einzelnen wird kaum eingegangen, Topnoten sind kaum zu erreichen – das fördert die Frustration schon in jungen Jahren“, gibt die Expertin zu Bedenken. Zudem fuße die französische Gesellschaft auf einem starren Elitensystem, bei dem nur eine kleine Zahl Auserwählter Zugang zu den Eliteschulen bekomme. Für die Ökonomin macht das einen wichtigen Unterschied zu anderen weniger glücklichen Nationen aus – zu denen auch Deutschland zählt. So schneidet die Bundesrepublik beim Vergleich zwischen objektivem Wohlstand und subjektivem Glücksempfinden seiner Bürger ihren Untersuchungen zufolge ebenfalls schlecht ab, ohne dass es hierzulande eine vergleichbare Elitenausbildung gäbe.

„Grundsätzlich haben die Bürger kleinerer Nationen offenbar stärker das Gefühl, gesellschaftlich etwas bewegen und sich freier entfalten zu können“, so Senik. Auffällig sei jedenfalls, dass die Bewohner Belgiens oder der skandinavischen Länder in Glücksumfragen deutlich optimistischer abstimmten, ohne dass ihre wirtschaftliche Situation oder ihr persönlicher Wohlstand um so vieles besser wäre – wenn überhaupt – als die Lage der unglücklichen Franzosen oder der skeptischen Deutschen. Wie andere Glücksforscher plädiert die Ökonomin dafür, verstärkt auch solche eher weichen Faktoren bei der Berechnung von Wohlstandsindikatoren wie dem BIP zu berücksichtigen – und das Glücksempfinden einer Nation stärker zum Teil der Regierungsarbeit zu machen. Für Frankreichs Staatspräsident François Hollande wäre das eine Aufgabe mehr auf der gewaltigen Reformagenda, die Frankreich abarbeiten muss.