Bildung

Ganztagsschulen für alle

Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften plädieren für einen Rechtsanspruch. Eltern sollen entlastet werden

Nach dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz fordern Wirtschaft und Gewerkschaften nun auch einen Rechtsanspruch für Schüler auf einen Platz in einer Ganztagsschule. „Ganztagsschulen sind für Eltern und Betriebe wichtig, um Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren zu können“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, der Berliner Morgenpost. Derzeit könnte aber nicht einmal ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen eine Ganztagsschule besuchen, obwohl 70Prozent der Eltern eine Ganztagsschulbetreuung für ihre Kinder wünschten.

Ein Rechtsanspruch im Jahr 2020 könnte den Ausbau deutlich forcieren. Das heiße nicht, dass jede Schule eine Ganztagsschule sein müsse, sagte Schweitzer, der auch Vorstand und Mitinhaber der Alba-Gruppe und Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) ist. „Aber die Eltern, die ihre Kinder auf eine solche Schule schicken möchten, müssen dies auch können.“ Das bessere Betreuungsangebot werde die Erwerbsbeteiligung von Frauen erhöhen. „Das bedeutet letztlich auch mehr Steuereinnahmen – also eine Investition, die sich am Ende zum großen Teil selber finanziert.“ Der DIHK rechnet mit Investitionskosten von elf Milliarden Euro. Hinzu kommen Betriebskosten von rund acht Milliarden Euro ab dem Jahr 2020.

Mütter sind das größte einheimische Arbeitskräftepotenzial, das, in der Sprache der Arbeitsmarkforscher, „aktiviert“ werden kann. Zwar ist die Frauenerwerbsquote in Deutschland schon heute mit 71 Prozent recht hoch – allerdings arbeitet fast die Hälfte der Frauen in Teilzeit, und auch das nur mit 18 Wochenstunden im Schnitt. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut HWWI erkennt ein Arbeitskräftepotenzial von 850.000 Frauen, das bei einem flächendeckenden Ausbau der Ganztagsbetreuung von Schulkindern erschlossen werden könnte.

„Wir brauchen einen Rechtsanspruch für einen Ganztagsplatz“, sagte auch die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Elke Hannack, der Berliner Morgenpost. „Echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nur dann möglich, wenn Eltern ihr Kind auch am Nachmittag gut betreut und gefördert wissen“, fügte sie hinzu. Die Ganztagsschule biete große Chancen für einen ganzheitlichen Bildungsansatz und trage zu mehr Chancengleichheit bei. Doch die Bundesländer können den Ausbau alleine nicht schultern. Mithilfe des Bundes ist schwierig, da das Grundgesetz den Ländern die alleinige Kultushoheit garantiert. „Das unsinnige Kooperationsverbot muss endlich aufgehoben werden“, sagt deshalb Hannack.

Viele Angebote in Berlin

Mehr als 2,3 Millionen Schüler in Deutschland besuchen Ganztagsschulen – das sind 30,6 Prozent aller Schulbesucher. Zwischen den Bundesländern gibt es jedoch erhebliche Unterschiede. An der Spitze liegt Sachsen mit einer Betreuungsquote von 78 Prozent, Schlusslicht ist Bayern mit nur elf Prozent. An zweitletzter Stelle liegt Baden-Württemberg mit 17 Prozent. Ein umfangreiches Angebot an Ganztagsschulen haben auch Hamburg (57 Prozent) und Berlin (54 Prozent). Dies ist ein deutlicher Trend nach oben: So lag in Berlin die Quote im Jahr 2007 erst bei 42Prozent.

Die Forderung nach einem Rechtsanspruch wird in der Politik begrüßt. Alle Parteien favorisieren grundsätzlich schon länger die Ganztagsschule. Im Wahlprogramm der SPD findet sich auch das Versprechen eines „Rechtsanspruchs auf Ganztagsbildung und -betreuung“. Auch in der Union gibt es Unterstützer. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) hält viel von einer Platzgarantie. „Der Rechtsanspruch auf eine Nachmittagsbetreuung von Schulkindern ist die logische Folge des Rechtsanspruchs auf einen Kita- und Kindergartenplatz“, sagte sie dieser Zeitung. Es sei inkonsequent, den Eltern einjähriger Kinder einen Betreuungsplatz zu garantieren und den Eltern von Grundschulkindern nicht. Mit vereinten Kräften sei der Rechtsanspruch bis 2018 zu verwirklichen.

Die FDP lehnt dagegen einen Rechtsanspruch ab. Dieser ginge zu weit, sagte Präsidiumsmitglied Birgit Homburger dieser Zeitung. Es gebe Regionen, in denen der Wunsch nach einer Ganztagsbetreuung nicht sehr groß sei. Und auch die Katholische Elternschaft (KED) in Bayern kritisiert Schweitzers Vorstoß. Der Wirtschaft gehe es „um den ungehinderten Zugriff auf die Eltern als Arbeitskräfte“, empörte sich die bayerische Vorsitzende der KED, Gisela Häfele. Die Familie sei aber mehr als nur ein „Basislager, in das man sich zum Schlafen und Essen zurückzieht“.