Kommentar

Masernimpfung ohne Zwang?

Norbert Lossau über die Diskussion zur Eindämmung der Masernepidemie in Deutschland

Einer der größten Erfolge der modernen Medizin war die Ausrottung der Pocken. Die Welt konnte von dieser Geißel befreit werden, weil der Pockenvirus nur in Menschen „überleben“ kann und weil mit einer flächendeckenden Impfaktion der Kampf gegen den gefährlichen Erreger aufgenommen wurde. Seit 1980 gelten die Pocken als endgültig besiegt.

Gerne würde die Weltgesundheitsorganisation WHO diesen Erfolg im Falle der Masern wiederholen. Auch bei diesen Viren sind wir Menschen die einzigen Wirte, und auch hier steht ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung, mit dem sich, konsequent eingesetzt, die Masern ein für alle mal von diesem Planeten verbannen ließen.

Dass dies vorerst nicht gelingen wird, daran trägt auch Deutschland eine Mitschuld. In jüngster Zeit hat die Zahl der Infektionsfälle dramatisch zugenommen. Besonders in Berlin und Bayern grassiert das Virus stark. Mehr als 1200 Maserninfektionen wurden in diesem Jahr bereits dem Robert-Koch-Institut gemeldet.

Die Ursache für das Comeback der Masern lässt sich leicht benennen. Die hoch ansteckende, weil über Tröpfcheninfektion übertragene Krankheit kann sich wieder ausbreiten, weil die Zahl der gegen Masern geimpften Bundesbürger inzwischen eine kritische Masse unterschreitet.

Eine aktuelle Umfrage ergab, dass hierzulande nur 67 Prozent der Menschen gegen Masern geimpft sind. Die volkstümliche Bezeichnung „Kinderkrankheit“ klingt dabei offenbar für viele eher harmlos. Doch tatsächlich können auch nicht geimpfte Erwachsene an Masern erkranken. Das kann bei ihnen schwerste Behinderungen zur Folge haben. Auch Todesfälle sind nicht ausgeschlossen.

Angesichts der Kritik, die Deutschland nun von der Weltgesundheitsorganisation einstecken muss, haben in den vergangenen Tagen Politiker verschiedener Parteien gefordert, eine Impfpflicht einzuführen. Meinungsumfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Deutschen dem durchaus positiv gegenübersteht. Viele Experten sehen ein solches Ansinnen indes mit skeptischen Augen. Zwar wäre aus rein medizinisch-wissenschaftlicher Sicht eine Impfpflicht gewiss sinnvoll, doch der Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen wiegt schwer und ist politisch kaum durchsetzbar.

Tatsächlich ist eine Impfung der gesamten Bevölkerung gar nicht nötig. Nach der sogenannten 95-Prozent-Regel der Epidemiologen lässt sich die Ausbreitung einer Infektionskrankheit bereits stoppen, wenn 95 Prozent der Bevölkerung geschützt sind. Dann wird die Kettenreaktion der Ausbreitung unterbrochen. Da die Zahl der strikten Impfverweigerer hierzulande gewiss unterhalb der Fünf-Prozent-Schwelle liegt, würde es mithin ausreichen, die Mehrheit der durchaus Impfwilligen davon zu überzeugen, dass sie jetzt ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen und sich impfen lassen sollten. Vielleicht ist ja auch der eine oder andere Prominente dazu bereit, werbewirksam vor laufender Kamera zu sagen: „Ich habe mich impfen lassen. Wann schützt du dich und deine Familie?“