Familie

Endspurt für die Statistik

Familienministerin Schröder vermeldet Plus bei Kita-Ausbau. In Berlin steigt die Zahl der Kinder aber weiter leicht an

Eigentlich ist es ein erfreuliches Ergebnis, mit dem Kristina Schröder (CDU) am Donnerstag vor die Presse trat. Zum kommenden Kita-Jahr, das im Herbst beginnt, werden nach Angaben der Länder rund 813.100 Kita-Plätze zur Verfügung stehen. Das sind gut 30.000 Plätze mehr, als die Bundesregierung an Bedarf errechnet hatte. Um diese Zahlen hatte es viele Spekulationen und Sorgen gegeben. Denn ab 1. August haben alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Bislang hatte es immer geheißen, es fehlten noch rund 160.000 Plätze, um den Anspruch erfüllen zu können. Es habe „einen beachtlichen Endspurt mit massiven Anstrengungen“ gegeben, sagte Schröder in Berlin. „Ich weiß, dass diese Kraftanstrengung nicht leicht war. Dafür möchte ich den Ländern und Kommunen ausdrücklich danken.“

Doch eine andere Nachricht trübt die Stimmung. Auch das Statistische Bundesamt hat am Donnerstag Zahlen zur Kinderbetreuung veröffentlicht. Ihnen zufolge wurden zum Stichtag 1. März rund 597.000 Kinder unter drei Jahren in einer Kita oder einer Tagespflege betreut, also noch deutlich weniger als der zum 1. August errechnete Bedarf von 780.000. Der Deutschen Städtetag hatte deshalb schon vor zwei Tagen Alarm geschlagen. Er gehe von einem Defizit von 100.000 Plätzen aus, sagte Hauptgeschäftsführer Stephan Articus in einem Interview.

Ungereimtheit in der Statistik

Alles Quatsch, sagte Schröder am Donnerstag in etwas diplomatischeren Worten. Dies sei ein „Vergleich von Äpfeln und Birnen“. Man dürfe die derzeitige Zahl von Kindern in Betreuungseinrichtungen nicht mit dem angenommenen Bedarf an Kita-Plätzen vergleichen, wenn man wissen wolle, wie es um den Ausbau steht. Ein Kind, das im August mit zwei Jahren in die Kita komme, bis März aber drei geworden sei, falle aus der Statistikzählung der unter Dreijährigen heraus, obwohl es einen Platz für Jüngere belegt. Damit würde die Statistik nicht die real vorhandenen Kita-Plätze erfassen.

In der Tat werden rund zwei Drittel aller Kita-Kinder zwischen ihrem zweiten und dritten Lebensjahr eingeschult und nur ein Drittel zwischen dem ersten und dem zweiten Lebensjahr. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl an Kita-Kindern vor dem Stichtag des Statistischen Bundesamts drei Jahre alt geworden und in der Statistik nicht berücksichtigt wurde. Das Statistische Bundesamt erhebt seine Zahlen bereits im März, dann, wenn auch die Jugendämter berechnen, wie viele Mittel sie für das kommende Kita-Jahr beim zuständigen Landesfinanzminister beantragen. Das Kita-Jahr beginnt aber erst im August.

Rechnung hin, Statistik her – Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München, warnt trotzdem vor zu viel Euphorie angesichts der Ausbauzahlen. „Ich glaube nicht, dass die Politik angesichts dieser Zahlen zufrieden das Zielband durchreißen und jubeln kann: Wir haben den Kita-Ausbau erfolgreich bewältigt.“ Es gelte nach wie vor: Ob die Plätze in den einzelnen Kommunen reichen, zeige sich erst nach dem 1. August. „Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes, des Städtetages und des Bundes klaffen weit auseinander. Wahrscheinlich dürfte die tatsächliche Zahl der momentan existierenden Kita-Plätze irgendwo zwischen den Extremwerten liegen, vermutlich leicht oberhalb von 700.000“, so Rauschenbach.

Im Winter keine Chance

Der Präsident des Deutschen Städtetags, Ulrich Maly aus Nürnberg, lobte am Donnerstag den hohen Einsatz, mit dem die Städte zahlreiche neue Betreuungsmöglichkeiten geschaffen hätten. Die Ausbauanstrengungen müssten aber weitergehen. Vor allem in einigen Groß- und Universitätsstädten werde es Lücken bei der Betreuung geben: „In vielen Großstädten liegt der Bedarf mit über 50 Prozent allerdings auch weit über dem vom Bund angenommenen Durchschnitt von 39 Prozent.“ So ist die Zahl der Kita-Kinder unter drei Jahren in Berlin beispielsweise zuletzt leicht gestiegen. Laut vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts wurden am 1. März rund 44.000 Kinder dieser Altersgruppe in Kitas oder von Pflegeeltern betreut. Das sind fünf Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor.

Auffällig im Ländervergleich ist in Berlin auch, dass überdurchschnittlich viele Kinder einen Ganztagesplatz – anstatt des rechtlich zugesicherten Halbtagesplatzes – in Anspruch nehmen. In der Hauptstadt gehören 68 Prozent der unter Dreijährigen zu dieser Gruppe, im Bundesdurchschnitt sind es hingegen nur 38 Prozent. Das Problem, in der Großstadt einen Krippenplatz zu finden, kennt die Berlinerin Anne Mantwitz nur zu gut. Als sie im Februar ihren einjährigen Sohn in die Kita bringen wollte, hieß es: Nichts zu machen, frühestens im Juli, wenn die älteren Kinder in die Schule kommen. Dabei hatte Mantwitz auf den Geschwisterbonus gehofft.

Ihre fünfjährige Tochter besucht bereits den Kindergarten. Schon bei ihr hatte Mantwitz wochenlang für einen Kita-Platz kämpfen müssen, hatte auf Wartelisten gestanden. Es sind nicht immer Plätze, die fehlen, so die Erfahrung der zweifachen Mutter: „In den Wintermonaten braucht man es erst gar nicht versuchen, es sind einfach nicht genügend Erzieher da.“ Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zeigte sich zuletzt aber optimistisch, dass am Stichtag 1. August die Zahl der Kita-Plätze ausreichen wird.