Ägypten-Krise

Aufstand gegen die Hüter der Ordnung

Gewalt in Kairo bremst Regierungsbildung aus. 42 Tote und Hunderte Verletzte. Angst vor Bürgerkrieg wächst

Beobachtet man die Szene im Kairoer Stadtteil Nasr City, kann man dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und seinem ehemaligen britischen Kollegen Tony Blair recht geben, die vor einem Bürgerkrieg in Ägypten warnen. Unterschiedliche Gruppen mit Schutzhelmen und Schlagstöcken marschieren rund um den Platz vor der Rabaa-al-Adawija-Moschee auf. Entweder tragen die Beteiligten T-Shirts mit dem Logo der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, deren Vorsitzender Mohammed Mursi bis zu seiner Amtseinführung als Präsident war. Oder sie tragen grüne Stirnbänder mit einer Huldigung Allahs als Schriftzug. Jede Gruppe kommt aus einer anderen Stadt, aus Kafr al-Sheikh im Nildelta, aus Beni Suef im Süden von Kairo oder sogar aus Assiut in Oberägypten. Sie sind mit Bussen hierhergebracht worden, um ihre Kollegen in Kairo im Kampf für die Wiedereinsetzung Mursis zu unterstützen.

Doppelte Rechtfertigung

„Das Massaker“, wie sie das Blutbad zwischen Sicherheitskräften und Mursi-Anhängern am Montagmorgen nennen, gibt ihnen nun eine doppelte Rechtfertigung, hier zu sein. Das Gesundheitsministerium gibt die Zahl der Toten mit 42 an, fast 500 Menschen sollen verletzt worden sein. Ein weiterer blutiger Tag in der ägyptischen Hauptstadt. Schon am Wochenende kamen bei Zusammenstößen zwischen Mursi-Gegnern und -Befürwortern fast 50 Menschen ums Leben.

Trotzdem meint die Mehrheit der Befragten in Nasr City, Ägypten werde nicht in einen Bürgerkrieg abgleiten. „Wir haben doch keine Waffen“, sagen die Herren mit den Schlagstöcken und weisen die Version der Sicherheitskräfte zurück, dass einige von ihnen mit Messern und leichten Waffen kurz nach vier Uhr morgens versucht hätten, das Hauptquartier der Republikanischen Garde, einer Spezialeinheit zum Anti-Terror-Schutz, zu stürmen. Seit Tagen mehren sich Gerüchte, dass Mursi dort festgehalten wird.

In einem schattigen Winkel zwischen zwei Hochhäusern haben sich Mitglieder diverser islamistischer Gruppen versammelt. Aufgeregt gestikulierend, analysieren sie das, was vor wenigen Stunden geschehen ist, überlegen, wie es weitergeht. Auch Mohammed Khalifa ist dabei, den wir vor vier Tagen schon einmal getroffen haben. Er gehört den Salafisten an und findet es eine Selbstverständlichkeit, dass deren Nur-Partei den nationalen Dialog unter Übergangspräsident Adli Mansur jetzt aufgekündigt hat. „Wir können uns doch nicht mit denen an einen Tisch setzen, die auf uns schießen“, sagt Khalifa wütend. „Damit haben sie die Chance einer Beteiligung des politischen Islam verspielt.“ Mit „sie“ meint er die Militärs und deren General Abdul Fattah al-Sisi, der vielen noch vor einer Woche als Retter in der Not erschien. Die Nur-Partei, die bei den ersten Parlamentswahlen nach dem Sturz Husni Mubaraks sensationell ein Viertel aller Stimmen erhielt, ging in letzter Zeit sehr auf Distanz zu den Muslimbrüdern, die Sieger der Wahlen. Auch sie war, wie die meisten der mittlerweile 13 islamistischen Parteien in Ägypten, unzufrieden mit dem Regierungsstil Mursis. Ihre Lösung war allerdings nicht der Sturz des Muslimbruders und die Ernennung einer Interimsregierung, sondern vorgezogene Neuwahlen. Mursi sollte solange im Amt bleiben. Damit erhofften sich die Salafisten einen Zugewinn an Wählerstimmen, denn trotz ihrer fundamental islamistischen Ausrichtung stehen sie im Ruf, Realpolitik zu betreiben und sich mit anderen abzusprechen. Der Alleingang Mursis war es, der ihm die meiste Ablehnung einbrachte.

Justiz schließt Parteizentrale

Die Justiz reagiert auf den Aufruf der Muslimbrüder zur Intifada, indem sie die Zentrale der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit schließen ließ. In dem Gebäude seien brennbare Flüssigkeiten, Messer und andere Waffen gefunden worden, die gegen Demonstranten eingesetzt werden sollten, begründete ein Vertreter der Sicherheitskräfte den Schritt. Die Zentrale der Muslimbrüder im Kairoer Stadtteil Mokattam indes konnte gar nicht mehr geschlossen werden. Sie ist bereits verwüstet. Gegner von Präsident Mursi hatten Anfang vergangener Woche das Hauptquartier in Brand gesteckt, gestürmt und geplündert, was die Armee zum Eingreifen zwang. Um noch Schlimmeres zu verhindern, setzte tags darauf Verteidigungsminister al-Sisi das 48-Stunden-Ultimatum. Der Rest ist bekannt. Nun ist Übergangspräsident Mansur gefragt.

Bis jetzt haben die Maßnahmen Mansurs die Demonstranten in Nasr City nicht überzeugt. „Das ist doch Kosmetik“, kommentiert Khalifa. Schon am Donnerstag habe man ihnen eine unabhängige Untersuchung versprochen, als Mursi-Anhänger vor der Kairo-Universität im Stadtteil Giza erschossen wurden. Es sei nichts passiert. Die Beteiligten machten damals die Polizei verantwortlich. Die Ordnungshüter hätten tatenlos zugesehen, wie Molotowcocktails auf die Demonstranten flogen und Schüsse auf sie abgefeuert wurden. Manche wollen gar gesehen haben, wie die Polizisten selbst auf die Versammelten schossen. Bis jetzt habe man stillgehalten, sagt ein anderer Salafist, habe friedlich weiterdemonstriert. „Aber jetzt reicht es! Bringen Sie sich die nächsten Tage in Sicherheit“, gibt er noch als Ratschlag mit auf den Weg. Am Montagabend schließlich kündigte Mansur Wahlen für Februar 2014 an.