Drohender Bürgerkrieg

ElBaradei soll Ägypten regieren

Land vor dem Bürgerkrieg. Am „Tag des Zorns“ sterben 36 Menschen. Nummer zwei der islamistischen Muslimbruderschaft verhaftet

Drei Tage nach dem politischen Umsturz in Ägypten ist der Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei zum Chef einer Übergangsregierung in Ägypten ernannt worden. Das erklärte am Sonnabend die Tamarrod-Bewegung, die maßgeblich an den Protesten gegen den am Mittwoch entmachteten islamistischen Staatschef Mohammed Mursi beteiligt war. Nach Angaben aus Armeekreisen sollte ElBaradei noch am Abend vereidigt werden. Die amtliche Nachrichtenagentur Mena meldete, der ehemalige Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) habe am Sonnabend Interimspräsident Adli Mansur getroffen.

Die ägyptische Armee hatte Mansur als Übergangspräsident eingesetzt, nachdem sie Mursi am Mittwoch entmachtet hatte. ElBaradei war nach jahrzehntelanger diplomatischer Tätigkeit im Ausland ein Jahr vor dem Sturz des ägyptischen Machthabers Husni Mubarak im Februar 2011 in seine Heimat zurückgekehrt und hatte sich für einen demokratischen Wandel in dem nordafrikanischen Land stark gemacht.

Zuvor war am „Tag des Zorns“ der islamistischen Muslimbruderschaft ist in Ägypten die Gewalt eskaliert: Mindestens 36 Menschen kamen am Freitag und in der Nacht zu Sonnabend bei Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi ums Leben, nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden mehr als 200 verletzt. Brennpunkte waren der Tahrir-Platz und die Nilbrücke des 6. Oktobers in Kairo sowie Alexandria und al-Arisch auf der Halbinsel Sinai. Am Sonnabendmorgen waren der Tahrir-Platz und seine Umgebung größtenteils verwaist. Angesichts der angespannten Lage traf der neue Übergangspräsident Adli Mansur am Sonnabend mit Armeechef Abdel Fattah al-Sisi und Innenminister Mohammed Ibrahim zusammen, wie aus Behördenkreisen verlautete.

Auf der Nilbrücke kam es am Freitagabend zu einer Straßenschlacht, als Anhänger Mursis Richtung Tahrir-Platz strömten, wo sich dessen Gegner aufhielten. Beide Seiten feuerten Schüsse und Feuerwerkskörper ab, Steine flogen. Schützenpanzer der Streitkräfte tauchten erst nach einiger Zeit auf und drängten die Mursi-Anhänger zurück. Kurz zuvor hatte der Führer der Muslimbruderschaft, Mohammed Badia, vor Zehntausenden Islamisten erklärt, die Bruderschaft werde ihre Straßenproteste nicht beenden, bis Mursi wieder eingesetzt sei. „Gott bringe ihn zurück in den Palast“, sagte Badia vor einer Moschee. „Wir sind seine Soldaten, und wir verteidigen ihn mit unseren Leben.“

Auch fünf Polizisten getötet

Stunden später wurde Badias Stellvertreter, Khairat al-Schater, wegen Anstiftung zur Gewalt zusammen mit seinem Bruder in Kairo verhaftet, wie das Innenministerium mitteilte. Al-Schater gilt als der eigentliche starke Mann der Muslimbruderschaft. Er war ihr ursprünglicher Kandidat für die Präsidentenwahl, durfte aber wegen einer vorherigen Gefängnisstrafe nicht antreten. An seiner Stelle kandidierte Mursi. In der Hafenstadt Alexandria seien mindestens zwölf Menschen bei Zusammenstößen zwischen Gegnern und Anhängern Mursis getötet worden, teilte ein Sprecher der Rettungsdienste, Amr Salama, mit. Zu den Zusammenstößen sei es gekommen, als Hunderte von Islamisten zu einer Kundgebung von Mursi-Gegnern strömten und das Feuer mit Schusswaffen eröffnet hätten. Mursi-Anhänger stachen einen Mann nieder und warfen ihn vom Dach eines Gebäudes. Der Mann hatte zuvor die ägyptische Flagge gehisst und Beleidigungen gegen Mursi ausgestoßen. In der Stadt al-Arisch wurden bei Schießereien mit militanten Islamisten fünf Polizisten getötet, wie Sicherheitskreise berichteten.

Ein Mitglied der mit den Muslimbrüdern verbündeten Gruppe Gamaa Islamija, Hamada Nassar, sagte AP: „Das Militär ist selbst in eine Falle gegangen, indem es für eine Seite Partei ergriffen hat. Jetzt sieht es die Massen in den Straßen und erkennt, dass es zwei Völker gibt.“ Streitkräftesprecher Ahmed Ali sagte, die Muslimbruderschaft versuche, das Militär in einen Kampf zu ziehen. Damit solle im Westen der Eindruck erweckt werden, „dass das, was im Land geschieht, ein Putsch ist und das Militär gegen friedliche Demonstranten vorgeht“. Ähnlich äußerten sich das Oppositionsbündnis gegen Mursi, die Nationale Rettungsfront und Jugendgruppen. Die Front rief die Öffentlichkeit auf, „die Volkslegitimität“ gegen eine „heimtückische Verschwörung der Bruderschaft“ zu verteidigen.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon rief die ägyptischen Streitkräfte zum Schutz von Demonstranten auf. Gewaltsame Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern Mursis müssten verhindert werden. Damit die Probleme des Landes friedlich gelöst werden könnten, dürfe es keine Vergeltung geben, auch dürfe keine wichtige Partei oder Gemeinschaft ausgeschlossen werden, so Ban laut seines Sprechers. Ban rief alle Ägypter auf, zusammen für eine Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung und der demokratisch legitimierten Regierung zu arbeiten. Er sei alarmiert über Berichte von Toten und Verletzten.