Judenfeindlichkeit

Antisemitismus: Türkischer Vize in der Kritik

Medien: Atalay gibt Juden Mitschuld an den Protesten

Der türkische Vizeministerpräsident Besir Atalay hat Medienberichten zufolge die „jüdische Diaspora“ mitverantwortlich für die Massenproteste in seinem Land gemacht. „Es gibt einige Kreise, die neidisch auf das Wachstum der Türkei sind“, zitierte die Zeitung „Today's Zaman“ Atalay am Dienstag in ihrer Online-Ausgabe. „Sie vereinen sich alle, und auf einer Seite ist die jüdische Diaspora.“ Auch die internationale Presse und andere „ausländischen Kräfte“ hätten sich an einer „Destabilisierung“ der Türkei beteiligt. Atalay dementierte die Berichte im Lauf des Tages. Er habe zwar die verzerrte Berichterstattung der ausländischen Medien kritisiert, hieß es in einer Presseerklärung Atalays. Er habe aber weder die Juden in der Türkei noch außerhalb für die Massendemonstrationen verantwortlich gemacht.

Die Jüdische Gemeinschaft teilte mit, sie versuche, Auskünfte zu erhalten, wie genau die über Medien verbreitete Aussage Atalays gemeint gewesen sei. Türkische Juden und Juden auf der ganzen Welt könnten durch solche Verallgemeinerungen beeinträchtigt werden. „Wir wollen unsere Sorge (...) über die Konsequenzen zum Ausdruck bringen, die solche Sichtweisen bewirken können.“

Wut richtet sich gegen Erdogan

Auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan machte wiederholt eine nicht näher definierte „Zinslobby“ verantwortlich für die seit mehr als einem Monat andauernden Proteste gegen die Regierung. Auch er kritisierte die internationalen Medien für die aus seiner Sicht manipulative Berichterstattung. Den Demonstranten warf er vor, sie ließen sich von staatsfeindlichen Kreisen instrumentalisieren, die die Demokratie und Wirtschaft der Türkei zerstören wollten.

Die Regierung ist wegen des brutalen Vorgehens der Polizei gegen Demonstranten international in die Kritik geraten. Zuletzt war es am Wochenende zu Massenprotesten gekommen. Die Proteste hatten sich Ende Mai in Istanbul an Plänen entzündet, auf dem Gezi-Park am zentralen Taksim-Platz ein Einkaufszentrum zu errichten zu wollen. An den dreiwöchigen Protesten hatten sich nach Polizeischätzungen mehr als 2,5 Millionen Menschen in fast 80 türkischen Städten beteiligt. Schon bald richtete sich ihre Wut gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, dem sie einen autoritären Regierungsstil und die schleichende Islamisierung der türkischen Gesellschaft vorwarfen. Die Polizei ging hart gegen die Proteste vor, drei Demonstranten und ein Polizist starben bei den Auseinandersetzungen. Außerdem wurden nach Angaben der türkischen Ärztevereinigung fast 8000 weitere Menschen verletzt.