Urteil

Spione der alten Schule

Haftstrafe für „Pit“ und „Tina“. Die Russen spähten über Jahrzehnte EU und Nato aus

Der Mann, der sich Andreas Anschlag nennt, ist ein Musterbeispiel für Agentendisziplin der alten Schule. Fast ein halbes Jahr hat der russische Spion auf der Anklagebank des Stuttgarter Oberlandesgerichts gesessen und kaum ein Wort gesprochen. Nur ein einziges Mal verlor er die Fassung. Da schimpfte er mit zornesrotem Kopf über die Zustände in der Untersuchungshaft. Die Essensportionen seien zu klein. Stuttgart-Stammheim, wetterte der Mittfünfziger, „ist ein Drecksloch, eine Schande für Deutschland“. Das war zum Prozessauftakt Mitte Januar.

Nun steht fest: Andreas Anschlag wird sich an die Unbequemlichkeiten des deutschen Gefängnisalltags gewöhnen müssen. Wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit in einem besonders schweren Fall hat das Oberlandesgericht Stuttgart den Offizier des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR zu sechs Jahren und sechs Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Seine Frau mit dem Aliasnamen Heidrun Anschlag erhielt fünf Jahre und sechs Monate.

Das Agentenpärchen (Decknamen: „Pit“ und „Tina“) war bereits in der Endphase des Kalten Krieges unter einer Legende in die Bundesrepublik gekommen. Die beiden Russen gaben sich als in Südamerika geborene Österreicher aus. Damals existierte die Sowjetunion noch, und in Ost-Berlin herrschte Erich Honecker. Nicht zuletzt mit der langen Dauer der Mission begründete die Staatsschutzkammer die empfindlichen Strafen. „Die Tätigkeit der Angeklagten war in hohem Maß von Heimlichkeit und konspirativen Methoden geprägt und verletzte die Souveränität der Bundesrepublik erheblich“, sagte die Vorsitzende Richterin Sabine Roggenbrod.

Die Kammer stützte sich bei der Urteilsfindung vor allem auf Erkenntnisse, die aus beschlagnahmten Datenträgern, Computern und Agententechnik stammten. „Es ist selten, dass ein Großteil der Korrespondenz von Straftätern mit ihrem Auftraggeber vorliegt“, sagte Roggenbrod. Außerdem sei Heidrun Anschlag „auf frischer Tat“ am Kurzwellenempfänger festgenommen worden. Es habe sich insgesamt um eine „hervorragende Beweislage“ gehandelt.

Die wahren Identitäten von Andreas und Heidrun Anschlag konnte das Gericht allerdings nicht klären. Bekannt sind lediglich die mutmaßlich richtigen Vornamen: Sascha und Olga. Der Mann nahm das Urteil fast regungslos zur Kenntnis, seine Frau war gegen Ende der Urteilsbegründung den Tränen nahe.

Laut Gericht haben die Eheleute allein von Ende 2008 bis zu ihrer Festnahme im Oktober 2011 mehrere Hundert politische und militärpolitische Dokumente weitergegeben. Sie stammten von einem Mitarbeiter des niederländischen Außenministeriums, den sie nach Überzeugung des Senats angeleitet und mit Schmiergeldzahlungen bei Laune gehalten haben. Außergewöhnlich sind die Übermittlungsmethoden des russchen Agentenpaares: Sie zogen Dokumente auf USB-Sticks und versteckten sie in Erdlöchern in Bonn und in Hessen. Die sogenannten toten Briefkästen wurden später von den Auftraggebern geleert. Über Kurzwelle und Satellit standen die Eheleute in engem Kontakt zum SWR.