Sportsucht

Bewegung außer Kontrolle

Etwa fünf Prozent der Ausdauersportler laufen Gefahr, süchtig nach ihrem Hobby zu werden

Die einen wären schon froh, wenn sie sich ein- oder zweimal pro Woche zu etwas mehr Bewegung aufraffen könnten. Die anderen aber meinen fast zwanghaft, sich täglich und zeitraubend schinden zu müssen. Sie können die Kontrolle über sich verlieren, und das unabhängig von Alter und Geschlecht. Wer eine Ausdauersportart wie Triathlon, Laufen oder Radfahren betreibt, läuft Gefahr, an einer Sportsucht zu erkranken, haben Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg nachgewiesen. Sie befragten 1089 Sportler. „4,5 Prozent von ihnen waren sportsuchtgefährdet“, sagt Heiko Ziemainz, einer der Verfasser der Studie.

Besonders gefährdet waren die Sportler, die schon jahrelang trainieren. Sie wollen eine positive Stimmung aufrechterhalten. Die Wissenschaftler unterscheiden in ihrer Studie zwischen jenen Menschen, die anfällig für eine Sportsucht sind und denen, die sie sich bereits antrainiert haben. Sportsüchtige missachten körperliche Signale und laufen auch trotz höllischer Schmerzen weiter. Geht das nicht, leiden sie unter Entzugserscheinungen. Sie verfallen in eine depressive Stimmung, sind innerlich unruhig oder schlafen schlecht. Und: Sie zeigen einen sozialen Verfall wie andere Süchtige. „Sie tolerieren etwa, dass ihre Ehe in die Brüche geht oder dass sie ihr soziales Umfeld nicht mehr wahrnehmen“, so Ziemainz. Das Verhalten kontrolliere dann die Person, nicht mehr umgekehrt. Als Grund ihres exzessiven Trainierens nannten Sportsüchtige oft ein negatives Selbstwertgefühl, Zwang oder einen Hang zu Perfektionismus. „Diese Menschen müssen zwingend therapiert werden“, so Heiko Ziemainz.

Wer für eine Sportsucht „nur“ anfällig ist, hat die Kontrolle noch nicht verloren: Er achtet noch auf körperliche Symptome. Doch die Grenzen zwischen einem ehrgeizigen Sportler und einem mit Suchtgefahr sind auch für Experten schwer zu ziehen. Ohnehin taucht das Krankheitsbild einer Sportsucht oder einer Gefährdung (bisher) in keinem Diagnose-Handbuch der Klinischen Psychologie auf.

Von einem „normalen“ Training würden die Sportler aber profitieren – nicht nur mental: Sport kann sogar helfen, Schmerzen besser zu ertragen. Das zeigten Forscher der Uniklinik Heidelberg. Ihr Fazit aus der Durchsicht von 15 internationalen Studien: Sportler fühlen den Schmerz zwar ebenso wie Nichtsportler, lassen sich von ihm aber weniger beeindrucken – sie sind schmerztoleranter.

Ballsportler ertrugen Schmerzen am besten, gefolgt von Ausdauer- und Kraftsportlern. „Ihre Schmerztoleranz war ähnlich hoch wie bei Menschen, die ein gängiges Schmerzmittel eingenommen haben“, erklärt Studienleiter Jonas Tesarz. „Sportler spüren den Schmerz ebenso wie normal aktive Menschen. Aber ihre Einstellung zum Schmerz ist eine andere, sie empfinden ihn weniger dominant.“