Interview

„Wir besetzen nicht nur eine Chi-Chi-Frauennische“

Auch bei Start-ups geben Männer den Ton an. Ein Gespräch mit Berliner Gründerinnen über Geschlechter-Klischees, Statussymbole und Reichtum

Die Gründerszene der Hauptstadt ist jung, dynamisch, unkonventionell - und fast durch und durch männlich. Aber es gibt auch von Frauen geführte Start-ups in der Stadt. Gründerinnen solcher Unternehmen haben sich als Boxenladies zusammengetan. Gemeinsamkeit: Alles Frauen, die Sachen in Boxen verschicken. Judith Luig und Hans Evert sprachen mit den Boxenladies.

Berliner Morgenpost: Wenn man Sie so sieht – junge, attraktive Unternehmerinnen – denkt man: Das mit den Boxenladies war bestimmt die Idee eines Mannes. Richtig?

Bea Beste:

Nein. Meine Unternehmerfreundin Sarah Mettler und ich waren das, nachdem wir bei einem Lady Dinner zu Gast waren. Danach haben wir geschaut, wer noch Boxengeschäfte in Berlin macht und die Frauen angesprochen.

Mit Ihren Boxen verkaufen Sie Babysachen, Kosmetik, Mode, Bastelbedarf, gesunde Snacks und Kochzutaten über das Internet. Ganz ehrlich: Diese Produkte sind ja schon fast klischeehaft weiblich.

Brigitte Wittekind:

Bei allen von uns geht es um den Geschenkaspekt. Die Box muss gut aussehen; das Drumherum muss neben dem Produkt selbst stimmen. Wenn das typisch weiblich ist, habe ich kein Problem damit. Bei Outfittery bekommen Männer von uns empfohlene Mode. Es geht bei allen um den Überraschungseffekt. Bei uns könnte man denken: Gesunde Snacks, klar, das ist was für Frauen. Aber rund die Hälfte der Kunden sind Männer. Auch wir bei Glossybox haben männliche Kunden. Aber Beautyprodukte finden natürlich bei Frauen größeren Zuspruch. Das ist auch bei uns so. Aber es gibt immer mehr Männer, die bestellen. Bei Tollabox geht es nicht einfach nur um Bastelkram, sondern um Bildung. Das wissen auch Väter zu schätzen.

Aber das große Rad in der Start-up-Szene wird doch in anderen, von Männern dominierten Unternehmen gedreht.

Bösch:

Ich muss widersprechen. Was wir alle machen, ist kuratiertes Einkaufen. Wir stellen für den Kunden individuell Produkte zusammen. Das ist ein Megatrend, ein Milliardenmarkt. So gesehen besetzen wir mit dem Boxengeschäft nicht nur eine Chi-Chi-Frauennische. Unterschätzen Sie unsere Firmen nicht. Die sind schon recht stattlich. Allein wir beschäftigen 300 Mitarbeiter. Und mein männlicher Co-Geschäftsführer kümmert sich eher um die vermeintlich weibliche Seite des Geschäfts – die Kosmetika – ich hingegen um das „harte Männerthema“ Finanzen.

Aber warum bilden Sie überhaupt einen Frauenkreis?

Wencke Harder:

Austausch mit Unternehmern findet für keine von uns ausschließlich in dieser Runde statt. Aber hier kann man Themen besprechen, die nur mit Männern vielleicht nicht ganz so einfach zu bereden wären.

Zum Beispiel?

Beste:

Durch unseren Kreis haben wir mehr Offenheit. Wir tauschen uns auch darüber aus, was nicht funktioniert im Unternehmen und fragen die anderen nach Rat. Da haben Männer eine größere Hürde, das würde in rein männlichen Netzwerken nicht so schnell besprochen.

Ist das nicht riskant? Gerade in einer Szene in der sich schnell viel rumspricht?

Enzensberger:

Man bespricht es natürlich nur mit Menschen, denen man vertraut. Genau deswegen bauen wir uns Netzwerke auf, in denen wir uns gegenseitig vertrauen und über solche Themen sprechen können.

Sind Frauen Netzwerke anders?

Wittekind:

Na, ja, man würde mit Männern nicht über die neue Schuhkollektion reden. Das Vorurteil, dass Frauen untereinander Zicken-Terror veranstalten, ist auf jeden Fall falsch.

Haben Sie sich schon gegenseitig zu Jobs verholfen?

Beste:

Wir haben viele Kooperationen. Flyer beilegen und ähnliches. Wir vermitteln einander Kontakte zu Investoren, geben Tipps für Dienstleister.

Sie haben sich zweierlei Beschränkungen aufgelegt, Boxen und Ladies.

Bösch:

Es geht lediglich darum, sich auf Gründerebene zu treffen. In diesem Kreis können wir uns ganz offen austauschen und unsere Strategien diskutieren. Wenn jetzt ein männlicher Gründer mit einem Boxenmodell dazu kommen wollte, dann würden wir auch nicht nein zu ihm sagen. Er darf nur kein Problem mit dem Titel Boxenlady haben. Wir wollen mit unserer Runde aber auch zeigen: Hey, es gibt Frauen mit Power, die sich Gründen zutrauen und die sich durchbeißen – auch wenn sie Familie haben. Denn insgesamt wird die Gründerszene ja von Männern dominiert

Warum eigentlich?

Wittekind:

Ich glaube, Frauen scheuen eher das Risiko als Männer. Frauen sind weniger von sich selbst überzeugt. Es existieren noch zu wenige Vorbilder. Unter den Investoren und den Business Angels gibt es so gut wie keine Frau. Das wird sich wohl erst ändern, wenn wir unsere Unternehmen für viel Geld verkaufen und selber Investoren werden.

Wenn Sie auf die von Männern dominierte Berliner Szene schauen: Was nervt Sie am meisten?

Harder:

Dass sie alle Fußball spielen (Gelächter). Aber im Ernst: Die sprechen nach dem Kicken übers Geschäft, genauso wie wir das in unserer Runde tun. Man muss keinen künstlichen Gegensatz zwischen den Geschlechtern konstruieren. Meist sind alle Gründer – Männer wie Frauen – mit denselben Problemen konfrontiert.

Trotzdem fällt es auf: Obwohl die Start-up-Szene noch keine verfestigten Konzernstrukturen hat, haben die Männer das Sagen. Warum drängen Frauen da nicht stärker rein?

Bösch:

Ich erinnere mich an das Ende meiner Uni-Zeit. Viele der männlichen Absolventen sagten: ,So, ich will jetzt was gründen - egal, was.‘ Frauen würden das nicht machen. Ich wollte zwar immer gründen. Doch zuerst wollte ich mir das Rüstzeug holen und habe deswegen zwei Jahre bei Zalando gearbeitet.Männer schlüpfen gern in Schuhe, die drei Nummern zu groß sind und wachsen dann rein. Frauen ziehen nur die Schuhe an, die ihnen wirklich passen. Es sollte mehr Frauen geben, die sich etwas Größeres zutrauen

Gründen Frauen nachhaltigere Unternehmen?

Bösch:

Also, ich habe noch nie eine Gründerin getroffen, die nicht voll hinter ihrem Produkt steht. Viele Männer sagen: ,Gib mir irgendwas, wo ich Gründer sein kann.‘ Frauen brauchen etwas, von dem sie überzeugt sind.

Geht es nicht auch darum, Geld zu machen?

Wittekind:

Es geht um beides. Genauso wie Männer hoffen wir darauf, dass ein Investor für viel Geld unser Start-up kauft. Aber der Punkt ist doch: Wenn man bis zu 80 Stunden pro Woche arbeitet, viel Herzblut und Energie investiert, dann muss mehr dabei herausspringen als irgendwann einmal ein Exit mit viel Geld.

Wir fragen jetzt jede von Ihnen: Würden Sie gern reich werden mit Ihren Unternehmen?

Bösch:

Auf jeden Fall. Klar. Natürlich. Ja. Ja. Ja. Ja. Aber ich will reich werden, um Business Angel sein zu können. Ich brauche keinen Ferrari.

Wofür würden Sie Ihr Geld ausgeben?

Beste:

Ich würde so wie früher schon einmal wieder Schulen und Kindergärten gründen. Mir wären die Freiheit und Unabhängigkeit, die man mit Geld erlangen kann, wichtig.

Auch Männer sagen häufig: Statussymbole sind unwichtig. Dann sieht man sie doch in teuren Autos. Von welchen Anschaffungen träumen Sie?

Mettler:

Ich würde grundlegend wirklich nichts anderes tun. Obwohl: Ein kleines Budget würde ich abzwacken, um es beim Shoppen richtig zu verprassen. (Gelächter) Ich würde mir ein Bauernhaus kaufen und es selber renovieren. Und gegen ein schönes Auto habe ich auch nichts. Derzeit habe ich zwar keins. Aber so ein Oldtimer... Vielleicht ist es auch typisch für Frauen, dass wir vorher nicht vertieft drüber nachdenken. Das machen wir erst dann, wenn das Geld wirklich da ist. Ich würde nicht bestreiten, mit etwas mehr Geld bei gewissen Sachen mehr zuzuschlagen. Dann würde ich mir vielleicht eine Handtasche von einem Künstler designen lassen, ein echtes Unikat. Wir können uns ja in drei Jahren mal treffen und schauen, wer welches Auto und welche Marken trägt (Gelächter).

Ist es gerade für eine Unternehmerin nicht wichtig, durch Statussymbole etwas darzustellen, etwa in Verhandlungen?

Enzensberger:

Wichtig ist, Professionalität und Souveränität zu zeigen. Statussymbole habe ich persönlich keine. In der Start-up-Szene ist das ein wenig anders. Ich habe früher in einem großen Konzern gearbeitet und dort herrschte eine Art Kleiderordnung. Daher trug ich überwiegend Hosen und Kostüme. Das musste sein, um dort überhaupt ernst genommen zu werden, wobei das sowohl für Männer als auch für Frauen galt.

Aber auch in der Start-up-Szene herrscht ein von Männern geprägter Dresscode.

Bösch:

Bei uns haben schon Investoren das richtige Outfit nachgefragt, um in die Berliner Start-up-Szene zu passen.

Und, wie sieht das typische Berliner Start-up-Outfit aus?

Bösch:

Auf jeden Fall eine Chino, für ganz Mutige in gewagten Farben. Dazu ein Hemd mit V-Kragen und an den Füßen Sneakers. Möglichst cool und lässig.

Mettler:

Da gibt es eine große Spannbreite. Man kann eigentlich nicht underdressed sein, nur overdressed.

Und wie ist das mit dem Führungsstil? Wer von Ihnen hat schon mal einen männlichen Mitarbeiter rund gemacht? Und wie haben Sie das gemacht? Anschreien und ausflippen?

Enzensberger:

Je ruhiger man bleibt, desto besser.

Bösch:

Es ist wichtig, dass unser Team experimentiert und schnell ist, da passieren eben auch Fehler. Davor darf keiner Angst haben.

Wer hat denn schon mal jemanden rausgeschmissen?

Bösch:

Das haben wir alle. Das gehört dazu.

Reagiert ein Mann anders, wenn er von einer Chefin gesagt bekommt, dass er keinen guten Job macht?

Bösch:

Dass wir Frauen sind, das spielt für unsere Mitarbeiter keine große Rolle. Wir haben einfach sehr junge Teams. Bei der Generation 50 plus wäre es schwieriger.

Sie sagen von sich selbst, Sie hätten „sehr weiblich geprägte Grundsätze der Unternehmensführung”. Wie genau sehen die aus?

Harder:

Wir setzen beispielsweise sehr auf Harmonie. Kochzauber wird sehr familiär geführt. Wir haben einmal im Monat Teamevents wie Beachvolleyball spielen oder Kegeln. Manchmal grillen wir auch bei uns zu Hause. Wir machen einmal die Woche Yoga. Weiblich geprägt meint, vielleicht auch etwas mütterlich auf die jüngeren Mitarbeiter schauen und ihre Entwicklung fördern. Außerdem geht es auch um den Ton im Unternehmen. Wir achten mehr aufeinander.

Harder:

Männer würden da sagen, ach Gott, die Frauen schon wieder. Aber wir gehen sehr auf die Probleme der Mitarbeiter ein. Ich höre auf die Schwingungen. Zur Not sage ich auch, mach‘ lieber mal einen Tag Home-Office und krieg dich wieder ein. Das tun wir auch fürs Business. Es ist besser, wenn sich jemand ausspricht, und danach wieder befreit an die Arbeit geht. Sonst würde er den ganzen Tag rumsitzen und an seine Probleme denken.

Wer gibt denn mehr Geld für Ihre Produkte aus? Männer oder Frauen?

Beste:

Da es ein Abo-Model ist, ist das schwer zu sagen. Über Tollabox freuen sich Männer und Frauen aus unterschiedlichen Gründen. Für die Frauen ist es eher das Besondere fürs Kind, wie ein Geburtstagsgeschenk jeden Monat. Männer schätzen vor allem, dass sie sich durch unser Produkt keine Gedanken machen müssen, wie sie sich mit dem Kind beschäftigen. Männer sind sehr dankbare und sehr loyale Kunden. Bei uns kommen jeden Tag Gummibärchen und Blumensträuße für die Stylisten an. Und Männer machen auch Werbung für uns bei Facebook.