Kommentar

Lerne, Ägypten, schnell!

Dietrich Alexander über den Machtkampf am Nil und die Aussicht auf eine Lösung

Ägypten taumelt in einen religiösen Bürgerkrieg. Zwei Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber: Die religiös-konservativen Anhänger des (immerhin demokratisch legitimierten) Präsidenten Mohammed Mursi und eine vielschichtige Opposition. Erstere bestehen darauf, dass ihr Präsident das Land am Nil religiös wieder auf konservativeren Kurs bringt nach Jahrzehnten militärisch dominierter, säkularer Autokratie. Letztere betrachten die von Mursi verordnete islamistische Rosskur als Angriff auf ihren Lebensentwurf und als Verrat an den Zielen der Revolution im „Arabischen Frühling“. Wie soll es in solch einer festgefahrenen Situation eine Versöhnung, auch nur eine Annäherung geben? Wer kann die Integrationsfigur des neuen Ägypten sein?

Eines ist sicher: Mursi ist es nicht. Der Ingenieur aus dem Dunstkreis der islamistischen Muslimbruderschaft polarisiert, statt Präsident aller Ägypter zu sein. Er ideologisiert, statt verschiedene Religionen und Religionsinterpretationen zu respektieren und zu schützen. Er hat es in seinem ersten Jahr an der Macht versäumt, den Schwung der Revolution in positive Bahnen zu lenken und ein neues, freies und weltoffenes Land zu bauen. Den ägyptischen Alltag prägen vielmehr bizarre Machtkämpfe zwischen Regierung und Justiz, Unterdrückung oppositioneller Proteste, Einschüchterung, Willkür. Eine ernüchternde Bilanz, während Ägypten auch wirtschaftlich immer weiter Richtung Abgrund driftet. Mursi wird nicht abdanken, das hat er schon mehrfach zu Protokoll gegeben. Vielleicht muss er das auch nicht. Aber er wird Kompromisse eingehen und seine ideologischen Scharfmacher in die Schranken weisen müssen, um die andere Hälfte der Menschen, für die er auch verantwortlich ist, nicht endgültig zu verlieren. Ihm bleiben dafür noch drei Jahre.

Viel wird davon abhängen, wie sich das immer noch mächtige Militär verhalten wird unter Armeechef General al-Sisi. Der gilt nicht als Freund der islamistischen Volte und hat mehr oder weniger deutlich zu verstehen gegeben, dass seine Soldaten die Opposition schützen werden, sollte sie von militanten Mursi-Anhängern angegriffen werden. Schnell könnte eine Situation entstehen wie kurz nach der Revolution, als der Oberste Militärrat in einer Art Übergangsregierung 17 Monate die Geschicke des Landes bestimmte. Das würde Ägypten zwar auch nicht voranbringen, könnte aber wenigstens vorübergehend für Ruhe sorgen.

Gelingt es Mursi nicht, auf die Opposition zuzugehen und die Muslimbrüder im Zaum zu halten, wird ihn wohl das Schicksal seines Vorgängers ereilen. Der hieß Husni Mubarak und wartet im Gefängnis auf Prozess und Urteil. Ein mahnender Appell muss aber auch an die Opposition ergehen, die in weiten Teilen offenbar nicht begreifen will, dass Ägypten außerhalb der Großstädte ein zutiefst islamisch verfasstes Land ist. Ohne der Religion ein gerüttelt Maß an Einfluss in der Gesellschaft und – vom Gesetz limitierte – Freiräume zuzugestehen, wird Ägypten seinen Frieden nicht finden. Es ist höchste Zeit zu lernen. Auf beiden Seiten.