Wirtschaft

Kroatien ist das nächste Sorgenkind

Eine neue Studie benennt die Probleme des Landes beim EU-Beitritt – und zeigt Lösungen

Vergangene Woche beschloss das kroatische Parlament, die Klagen aus dem Ausland endlich zum Verstummen zu bringen. Klagen über das Durcheinander von Verwaltungsebenen, Zuständigkeiten und Entscheidern. Das bewege die Investoren dazu, ihr Geld besser anderswo einzusetzen. Regierungsagenten sollen künftig jedem Willigen helfen, auch tatsächlich ein Unternehmen kaufen oder gründen zu können. Er soll politischen Willen und Recht durchsetzen.

Von „informellen Beschränkungen“ spricht eine Studie des Beratungsunternehmen Roland Berger – eine freundliche Umschreibung für das Dickicht aus wuchernder Bürokratie, in dem Korruption gedeiht. Die Studie soll Chancen und Schwierigkeiten aufzeigen, die der EU-Beitritt Kroatiens am heutigen Montag bringt. Wen holt Europa sich da ins Haus? Die unveröffentlichte Studie, die der Berliner Morgenpost vorliegt, zeichnet das Bild eines Landes, das beim EU-Beitritt einiges nachzuholen hat.

Angefangen bei der Bürokratie. „In diesem Land reden so viele Leute mit. Da kann ein Projekt, sagen wir, ein Hotelbau in Dalmatien, auf dem Papier beschlossen und genehmigt sein – aber auf einmal müssen sich Unternehmen auf ein Spiel mit so vielen Verwaltungsebenen einlassen, dass keiner mehr die Spielregeln verstehen kann“, sagt Vladimir Preveden, Partner und Südosteuropaexperte bei Roland Berger. „So kommen viele gute Projekte nie zustande.“

Nicht einmal eine Milliarde Euro hat das Land 2012 aus dem Ausland angezogen, weit entfernt von den mehr als vier Milliarden Euro des Jahres 2008. „Es gab zuletzt fast keine direkten ausländischen Investitionen mehr“, sagt Preveden. Die Direktinvestitionen seien eine der Messgrößen für die Attraktivität eines Landes. Im Falle Kroatiens sind die geringen Investitionen ein Indikator für die großen Probleme der Wirtschaft im fünften Jahr der Rezession.

Während aber der nahende EU-Beitritt in den anderen osteuropäischen Ländern in den drei Jahren zuvor ein Feuerwerk an Investitionen zündete und die Wirtschaft vorher überall beträchtlich wuchs, kam mit dem Stichtag die Normalität zurück, das belegt die Studie. „Sie hatten im Durchschnitt rund zwei Prozentpunkte mehr Wachstum als nach ihrem EU-Beitritt“, sagt Preveden. „Diesen Zeitpunkt hat Kroatien leider verpasst“, so der Berater. Die Regierungen hätten nur „halbherzig und widerwillig gute Ratschläge befolgt“, wollten die Wirtschaftskrise aussitzen und darauf warten, von wieder anziehender Konjunktur in Europa und der Welt mitgenommen zu werden. Das könnte dauern.

So verharrt die Arbeitslosenrate seit zehn Jahren bei 15 Prozent. Kroatiens Lohnkosten sind höher als in anderen Ländern Osteuropas. Die Zahl der unbeschäftigten jungen Menschen hat sich in vier Jahren verdoppelt. „Gute Talente verlassen das Land. Das ist ein trauriger Trend“, sagt Preveden. Im Braindrain-Ranking des World Economic Forum belegt das Land den Platz 126 von 144 Ländern, was so viel heißt wie: Wer halbwegs wegkann, der geht auch.

Das alles soll sich ändern. „Die größte Herausforderung der Wirtschaftspolitik ist mittelfristig, nachhaltiges Wachstum zu aktivieren“, schreibt die kroatische Regierung im Bericht über ihre Vorhaben, den sie auf informeller und freiwilliger Basis bereits an EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn gesandt hat. Niemand in Brüssel mochte widersprechen.

Eine Hilfe können sicher die 13 Milliarden Euro sein, die die EU schon für die Förderung Kroatiens im Haushaltsrahmen für die kommenden sieben Jahre reserviert hat. Selbst abzüglich des Mitgliedsbeitrags bleiben mehr als zehn Milliarden aus Struktur- und Regionalfördermitteln, an Agrarsubventionen und Sondertöpfen, mit denen das Land halbwegs sicher rechnen kann. Allein: Die Mittel müssen auch abgerufen werden, und dazu braucht es einen Umgang mit den Brüsseler Förderregeln – und vor allem ein Geschäftsmodell.

Tourismus und Landwirtschaft

Berater Preveden ist bei seiner Kernkompetenz angelangt, wenn er der Regierung von Premierminister Zoran Milanovic empfiehlt: „Kroatien sollte sich auf zwei Wirtschaftsbereiche konzentrieren, in denen das Land bereits Kompetenzen hat: den nachhaltigen Ganzjahrestourismus und die Biolandwirtschaft.“ Kroatien hat fruchtbare Böden und eine Adriaküste, die architektonisch weit weniger verdorben ist als die Italiens. Das Land hat zauberhafte Städte und die Berge an der Hintertür. Und dennoch, das zeigt die Studie, hat Kroatien nur im Sommer Saison – bei Billigtouristen, die nicht lange bleiben und wenig Geld ausgeben.

Das klingt nicht danach, als könne aus dem Land ein Hightech-Industriestandort werden, aber: „In diesen beiden Bereichen muss das Land auch professionelle, förderungswürdige Projekte definieren, damit die EU-Mittel auch tatsächlich dahin fließen“, sagt Preveden. Er glaubt, dass die Verantwortlichen aufgewacht sind. Die Agenten, die Investoren begleiten sollen, zeigten, dass Reformen in Angriff genommen werden.

Aber mit dem Subventionssegen, der über das Land kommen wird, gibt es dann auch die unangenehmen Regeln. Kroatiens Neuverschuldung wird 2013 nach Vorhersagen der Kommission bei 4,7 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen – zu viel für den europäischen Stabilitätspakt. Währungskommissar Rehn macht deutlich: Es werde keine lange Schonfrist geben. „Nach dem EU-Beitritt wird die EU-Kommission die Situation untersuchen und erwägen, ob ein übermäßiges Defizit vorliegt“, sagt Rehns Sprecher. Wenn es so wäre, dann drohte dem Land ein Verfahren.