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Sie sind jung und brauchen das Geld

Berlins Designer auf der Fashion Week: Mehr als um Ideen müssen sie um Investoren kämpfen

Die Langsamkeit, sagt Volker Tietgens, die habe er völlig unterschätzt. „Die Händler schauen sich ein Label erst mal vier oder fünf Saisons an, bevor sie wirklich überzeugt sind“, sagt der Privatinvestor. Der 52-Jährige hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er Geld in die Labels Michalsky und Kaviar Gauche gesteckt hat. Er ist zu einem Gespräch bereit, mit der Bedingung, dass man kein Foto von ihm zeigen werde.

Sein Geld machte Tietgens mit seiner 1991 gegründeten Webdesign-Agentur Concept. Er ging mit ihr an die Börse und verkaufte 2002 seine Anteile. 2007 kam er nach Berlin und wurde auf Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler von Kaviar Gauche sowie Michael Michalsky aufmerksam. „Beide Labels sind auf ihre Weise outstanding. Kaviar Gauche macht diese elegischen Kleider, die alle so lieben“, schwärmt er an einem grauen Dienstagmittag im Michalsky-Showroom. An dem Designer habe ihn der „Lifestyle-Ansatz“ fasziniert und dass er „seine Mode als Teil eines übergeordneten Lebensgefühls“ sehe.

Potente Geldgeber

Von Dienstag an stehen auf der Berliner Fashion Week vor allem Designer der Hauptstadt im Blickpunkt. Mittlerweile werden sie auch international wahrgenommen. Doch der Weg bis dahin ist in aller Regel mehr als anstrengend. Nur wer gute Ideen und potente Geldgeber hat, kann vom Durchbruch träumen.

An 40 Prozent betragen Tietgens Anteile an Kaviar Gauche, von der Michalsky Holding gehört ihm die Hälfte. Dort entwickelte er sich vom stillen Teilhaber zum zweiten Geschäftsführer. „Das war nicht geplant. Aber irgendwann dachte ich, das ist cool, da mache ich mit.“ Mit Michael Michalsky verbindet ihn heute eine enge Freundschaft. Tietgens ist kein Investor, der Firmen aufpumpt, um sie dann für viel Geld wieder loszuwerden. „Ich plane überhaupt nicht, aus den Firmen auszusteigen. Ich wollte mich mit Mode befassen und mit kreativen Leuten zusammenarbeiten, weil ich die spannend finde.“ Trotzdem: Die Unternehmen müssen funktionieren. Bei seinem Einstieg 2008 arbeitete er für beide Marken einen Fünf-Jahres-Plan aus, danach sollten sie rentabel sein. Das fünfte Jahr ist nun erreicht. Ist der Plan aufgegangen? „Kaviar Gauche läuft super. Michalsky: größeres Spiel, größeres Risiko. Es funktioniert auch, wobei die Entwicklung des Fashion-Bereiches etwas hinter der Planung liegt. Ich habe meine Investments umgeschichtet, da unsere Designagentur viel schneller gut funktioniert hat“, sagt Tietgens und verweist damit auf das hauseigene „Design Lab“, für das Michael Michalsky für andere Unternehmen von der Wasserflasche bis zum Sofa entwirft, was der Kunde will. Diese Projekte machen circa die Hälfte des Umsatzes aus. Tietgens wirkt entspannt. „Ich bin zuversichtlich, dass wir dieses Jahr ‚Break-even‘ sind. Aber: I don’t know.“

Einen anderen Weg beschreitet Kilian Kerner. Der Designer ist kreativer Leitung der Kilian Kerner AG, eines börsennotierten Unternehmens, dessen Umsatz sich 2012 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verachtzehnfacht hat. Seine Mode wird in 75 Geschäften verkauft, international ist sie in 14 Ländern vertreten. Nach seiner Show am kommenden Dienstag in Berlin wird Kerner zusätzlich eine Red-Carpet-Kollektion auf der London Fashion Week im September zeigen.

Was ist passiert? Nobert Neef, ein Berliner Anwalt, stieg 2010 als Investor mit seiner Firma Motor Fashion GmbH ein. „Davor hatten wir keinen richtigen Vertrieb, wir konnten nie genug Lookbooks drucken, nicht regelmäßig auf den Messen ausstellen“, sagt Kerner. Die konstante Präsenz und die professionellen Strukturen, die es braucht, um Einkäufer zu überzeugen, hat sein Unternehmen heute. „Ich habe die künstlerische Freiheit. Die lassen mich machen, was ich will“, sagt er.

Was Kerner erreicht hat, gleicht in Berlin einem Jackpot. „Als Designer wartet man darauf, dass jemand kommt“, sagt er. Die Produktion einer Kollektion, Modenschauen, Messestände – all das müssen die jungen Kreativen im Voraus finanzieren, um auf sich aufmerksam zu machen. Die deutschen Einkäufer, da sind sich die Designer einig, sind sehr konservativ und lassen sich nur langsam vom einheimischen Nachwuchs überzeugen.

Nur wenige Investoren

Bis ein Modelabel wächst und Gewinne abwirft, vergehen Jahre. Das schreckt Investoren ab. Wer sich auf die Suche nach Geldgebern in der Berliner Modewelt begibt, stellt fest: Viele gibt es nicht.

Gern hätte man auch Kilian-Kerner-Investor Norbert Neef gefragt, was ihn von dem Designer überzeugt hat und was er mit seinen Anteilen (über deren Anzahl Kerner nur sagt, dass sie „sehr hoch“ sei) langfristig vorhat. Doch Neef ist zu einem Interview nicht bereit. Man weiß nicht, ob auch auf ihn zutrifft, was Volker Tietgens sagt: Eine gewisse „Verrücktheit“ und „Liebe zum Produkt“ müsse man mitbringen als Investor in der Mode. Krampfhaft nach dem großen Geld schielen funktioniert nicht.

Auch die Kreativen treffen eine Entscheidung, wenn sie sich auf einen Investor einlassen: für eigene Shops, mehr Mitarbeiter, mehr Verantwortung, weniger Unabhängigkeit. „Es gibt ganz wenige Designer, die aggressiv eine große Firma aufbauen wollen“, sagt der Geschäftsführer der IBB Beteiligungsgesellschaft Marco Zeller. Das Unternehmen der Investitionsbank Berlin (IBB) steckt gemeinsam mit anderen Geldgebern Kapital in ausgesuchte Berliner Firmen der Technologie- und Kreativwirtschaft und hilft bei der Unternehmensentwicklung. Das Ziel: die Anteile nach einer Periode von fünf bis sieben Jahren an neue Eigner zu verkaufen. „Das funktioniert aber nur bei Unternehmen mit einem hohen Wachstumspotenzial“, sagt Zeller. „Bei Modelabels kann ein Investor schwer einschätzen, ob die in ein paar Jahren mehrere Millionen Euro Umsatz machen.“ Momentan ist die IBB an den Labels C’est tout und Umasan beteiligt.

Leider wird die Nachricht aus Berlin über die Modemacher Klaus Unrath und Ivan Strano und ihre Investorin Prinzessin Elna-Margret zu Bentheim so manchem Jungdesigner wenig Hoffnung machen. 2011 stieg die Society-erprobte und vom Boulevard geliebte Gattin des niedersächsischen Erbprinzen Carl Ferdinand zu Bentheim und Steinfurt bei Unrath & Strano ein und wurde Geschäftsführerin neben den Designern. Die adelige Marketing-Expertin jettete jede Woche für den Job nach Berlin, man inszenierte sich als schillernde Hauptstadt-Couturiers, eröffnete einen Flagship-Store am Gendarmenmarkt. Ende Mai überwarfen sich die Designer mit ihrer Geschäftspartnerin. Jetzt ist die Boutique geschlossen und wie es mit der Marke weitergeht, ungewiss.

Geld aus Wettbewerben

Ob mit oder ohne Geldgeber: Die vielen kleinen Modemacher in Berlin kämpfen. Annelie Augustin und Odély Teboul von Augustin Teboul geben an, dass sie alles allein stemmen, vor allem durch Preisgelder, die sie bei Modewettbewerben erhalten. Die Designerin Malaika Raiss fand in dem Online-Shopping-Club „Brands4Friends“ ein Unternehmen, das diese Saison ihre neue Kollektion produziert und anschließend verkauft. Florian Müller, Chef der PR-Agentur Müller PR & Consulting, die Michael Sontag, Vladimir Karaleev und Issever Bahri vertritt, sagt von seinen Kunden: „Das sind Überlebenskünstler.“

Der Designer Dawid Tomaszewski hatte vor über einem Jahr einen Financier gefunden. „Drei Monate lief es gut, die restliche Zeit schlecht“, sagt er. Er erzählt nicht im Detail, was genau schiefgelaufen ist. Falsche Versprechungen habe ihm sein Geschäftspartner gemacht, sagt Tomaszewski. Am Ende standen die Rechte an seinem eigenen Namen auf dem Spiel. „Ich wusste nicht, ob ich die Etiketten mit meinem Namen in meine Kleider nähen durfte.“ Jetzt gehört seine Marke wieder zu 100 Prozent ihm. Abgeschreckt hat ihn die schlechte Erfahrung jedoch nicht. Er schaue sich weiterhin nach Investoren um, sagt der Designer. „Ich möchte mit meinem Unternehmen weiter wachsen.“ Ohne Investort funktioniert das nicht.