Fluggesellschaften

Lufthansa nimmt Abschied von Europa

Vom 1. Juli an fliegt fast ausschließlich die Billigtochter Germanwings auf Kontinentalstrecken

An diesem Montag startet die Lufthansa ein historisches Projekt. Vom 1. Juli an werden Passagiere auf fast allen europäischen Strecken in Germanwings-Maschinen steigen – ob sie wollen oder nicht. Die vor rund zehn Jahren als Billigfluggesellschaft gegründete Tochter soll vom 1. Juli an nach und nach die dezentralen europäischen Strecken der Lufthansa übernehmen. Ausgenommen werden nur die Verbindungen in die Drehkreuze Frankfurt und München.

Germanwings-Chef Thomas Winkelmann hat den Kampfauftrag bekommen, mit der Fliegerei in Europa endlich wieder Geld zu verdienen. In diesem Geschäft hat der größte Luftfahrtkonzern dieses Kontinents in den vergangenen Jahren jährlich bis zu 300 Millionen Euro Verlust gemacht. Die Kosten sind im Vergleich zu den Billigfliegern wie Ryanair und Easyjet viel zu hoch. Germanwings fliegt derzeit mit rund einem Drittel weniger Kosten als Lufthansa-Klassik.

Für die Kunden wird es eine erhebliche Umstellung. Durch den Umstieg auf Germanwings verschwindet die Businessclass – die gibt es bei der Billigtochter nicht. Der Konzern muss aufpassen, dass ihm die gut zahlende Geschäftsreise-Klientel nicht abhandenkommt. Deshalb werden die Germanwings-Jets umgebaut. Hinten in der Germanwings-Kabine gibt es „Fliegen Basic“, das sich nicht wesentlich von einem Trip mit Ryanair oder Easyjet unterscheidet. In den vorderen zehn Reihen können es sich dann gut zahlende Touristen oder Geschäftsleute bequem machen. Sie haben hier sogar mehr Platz als in der heutigen Lufthansa-Businessclass. Es gibt dort „à la carte“ zu essen und zu trinken, und zwei Koffer sind kostenlos.

Aber noch sind viele Kunden skeptisch. Im Internet brach Anfang des Jahres sogar das aus, was neuerdings „Shitstorm“ genannt wird. Ursprünglich wollte die Lufthansa den Zugang in die Ausruh-Lounges viel stärker als bei Lufthansa-Klassik beschränken. Jetzt lautet die Regelung: Alle Senatoren oder Mitglieder des HON-Circle, so heißen die Vielflieger bei Lufthansa, dürfen wieder in ganz Europa in die Lounge, auch wenn sie nur ein Basic-Ticket gebucht haben. Allerdings: Die sogenannten Frequent Traveller dürfen anders als bisher nur in die Lounge, wenn sie mindestens den mittelteuren Tarif zahlen.

In der Praxis läuft die Umstellung noch „ein bisschen holprig“ sagt Jan Wehle, Berliner Notar und Vielflieger. Er verkehrt regelmäßig zwischen Berlin und dem Flughafen Köln/Bonn – Teststrecke des neuen Germanwings-Konzeptes. Die Flexibilität sei „im Vergleich zu Lufthansa immer noch wesentlich eingeschränkter“, so Wehle. „Ich habe den Eindruck, dass ich für meinen Senator-Status deutlich weniger kriege.“

Grundsätzlich ist Fliegen mit Germanwings gar nicht so schlecht, meintBjörn Grund. Er arbeitet für den privaten Berliner Müllentsorger Alba und ist öfter auf der Strecke Berlin–Köln/Bonn unterwegs. „Wenn man vorn sitzt, ist es nicht schlecht, dann hat man viel Beinfreiheit.“ Trotzdem findet der Jurist Lufthansa immer noch „deutlich besser“. Könnte er – mal abgesehen vom Preis – es sich aussuchen, würde er immer mit Lufthansa fliegen. Darin spiegelt sich die enorme Strahlkraft der Marke, die viele durch die Germanwings-Strategie erlöschen sehen.

Ende 2014 soll die Übergangsphase abgeschlossen sein. Insgesamt 85 Flugzeuge wird Germanwings dann haben – darunter viele nagelneue Maschinen vom Typ Airbus A320.