Bildung

Soziale Herkunft bestimmt Schulerfolg

Studie: Schüler aus den bildungsfernen Schichten liegen bei der Lesekompetenz ein Jahr hinter den Kindern von Besserverdienern

Die Schulen in Deutschland haben nach den Ergebnissen einer Studie bei der Chancengerechtigkeit großen Nachholbedarf. Noch immer werde der Schulerfolg eines Kindes wesentlich von der sozialen Herkunft und der Vorbildung seiner Eltern geprägt, heißt es in dem zweiten Chancenspiegel über die Leistungen und Schwächen der Schulsysteme in den 16 Bundesländern, den die Bertelsmann Stiftung am Montag in Berlin vorlegte. „Kein Land ist überall spitze oder überall Schlusslicht“, sagte Schulforscher Wilfried Bos von der Technischen Universität Dortmund. „Die Bundesländer haben jeweils Stärken und Schwächen, alle haben Nachholbedarf.“

Einige Beispiele aus der Studie verdeutlichen das Ausmaß der Unterschiede: So ist in Mecklenburg-Vorpommern der Anteil der Schulabbrecher mit 13,3 Prozent fast dreimal so hoch wie im Saarland (4,8 Prozent). In Sachsen ist der Leistungsabstand zwischen Schülern oberer und unterer Sozialschichten nur etwa halb so groß wie in Bayern. Starke Unterschiede gibt es auch beim Hochschulzugang: In Nordrhein-Westfalen erreichen 59,1 Prozent die Berechtigung zu studieren, in Sachsen-Anhalt nicht einmal 37 Prozent.

Die Chancengerechtigkeit in der Bildung verbessere sich nur langsam, lautet das Fazit der Studie. Schon in der Grundschule sei die soziale Herkunft entscheidend für den Bildungserfolg. So bewege sich das Leseverständnis der Grundschüler auf nahezu demselben Niveau wie vor zehn Jahren. Kinder aus bildungsfernen Sozialschichten liegen der Studie zufolge bei der Lesekompetenz durchschnittlich ein Jahr hinter Kindern aus der Oberschicht. „Insgesamt geht es mit der Chancengerechtigkeit eher im Schneckentempo voran“, erläuterte der Vorstand der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger.

Länder brauchen mehr Geld

„Bildungsföderalismus macht dann Sinn, wenn die Länder voneinander lernen, sich austauschen und erfolgreiche Modelle für ihr jeweiliges Bundesland übernehmen“, sagt Dräger. Dabei setzt er entweder auf eine Grundgesetzänderung nach der Bundestagswahl, die auch eine inhaltliche Kooperation von Bund und Ländern in der Schulpolitik erlauben würde – oder eine Neuverteilung des Mehrwertsteueraufkommens. „Die Länder brauchen einfach für ihre Mammutaufgabe Bildung mehr Geld.“

Bereits seit den 70er-Jahren liegen der deutschen Schulforschung durch den Mikrozensus und auch durch andere Studien robuste Daten über die hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialem Status des Elternhauses vor. Von Wirtschaft und Politik wurden diese Daten jahrzehntelang weitgehend ignoriert – bis Deutschland mit dem ersten Pisa-Test im Jahr 2000 in Sachen soziale Förderung und Selektion auch international die rote Laterne angehängt bekam. Heute sorgt sich die Wirtschaft vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung um den Fachkräftenachwuchs von morgen.

Den stärksten Positivtrend verzeichnet Deutschland bei den Schulabschlüssen: Der Anteil der Schulabbrecher sank von 6,9 auf 6,2 Prozent. Zugleich stieg der Anteil der Schulabgänger mit Hochschulreife auf ein Rekordhoch – mehr als jeder Zweite (51,1 Prozent) erwirbt inzwischen einen Schulabschluss, der zur Aufnahme eines Studiums berechtigt.

Wenig Veränderung gibt es auch bei der Durchlässigkeit der Schulsysteme. Auf einen Wechsel von einer niedrigeren auf eine höhere Schulart in der Mittelstufe kommen 4,2 Wechsel in umgekehrter Richtung. Zwei Jahre zuvor hatte das Verhältnis zwischen Auf- und Abstieg 1 zu 4,3 betragen. Die Zahl der Sitzenbleiber sank leicht: 2010 mussten in der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) noch 2,9 Prozent der Schüler eine Klasse wiederholen, zwei Jahre später waren es 2,7 Prozent. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass dies Auswirkung einer verbesserten Förderung ist. Vielmehr ist das Sitzenbleiben seit Jahren eine höchst umstrittene Maßnahme, die von immer mehr Regierungen abgelehnt wird.

Vor allem rot-grüne Koalitionen in den Ländern haben sich zum Ziel gesetzt, es gänzlich überflüssig zu machen. So hat das SPD-geführte Hamburg in einigen Klassenstufen das Sitzenbleiben ganz abgeschafft. Was einmal als Ausweis für hohe Leistungsanforderungen galt, ist zu einer verachteten und vermeintlich sinnlosen Disziplinierungsmaßnahme degradiert worden. Dazu trugen bei, dass Bildungsökonomen die Kosten für das Sitzenbleiben auf mehr als eine Milliarde Euro bezifferten und Bildungsforscher den Wert im Sinne des Kompetenzzuwachs stark in Zweifel ziehen. In der Logik des Chancenspiegels ist das Sitzenbleiben nur negativ zu bewerten.

Doch in der praktischen Schulpolitik klafft aus Sicht der Forscher bei der sozialen Förderung immer noch eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Sie setzen dabei vor allem auf den weiteren Ausbau der Ganztagsschulen. Dabei dürften die Länder aber nicht allein bei der baulichen Ausstattung stehen bleiben, mahnen die Forscher. Es fehlten mehr Lehrer, Sozialarbeiter und sinnvolle Förderprogramme für den Nachmittag, damit die Ganztagsschule auch wirklich ihren pädagogischen Auftrag voll entfalten kann. Die Halbtagsschule hat politisch schon lange keine Verteidiger mehr, auch Bildungsexperten lehnen sie ab, und selbst zwei Drittel der Eltern geben in Umfragen an, die Ganztagsschule zu favorisieren. Die Schüler werden nicht gefragt. Der Chancenspiegel bemängelt, dass der Ausbau der Ganztagsschulen nur geringe Fortschritte gemacht hat.

Ganztagsschule als Ausweg

Der Anteil der Ganztagsschüler stieg zwischen 2010 und 2011 nur von 26,9 auf 28,1 Prozent. Lediglich 13 Prozent aller Schüler besuchen gebundene Ganztagsschulen, wo der Unterricht nicht nur auf Wahl oder Freiwilligkeit beruht. „Wenn sich der Ausbau der Ganztagsschulen nicht beschleunigt, dauert es noch mehr als 50 Jahre, bis für alle Kinder genug Plätze vorhanden sind“, sagt Jörg Dräger. Dabei biete gerade die gebundene Ganztagsschule gute Möglichkeiten, den Einfluss der sozialen Herkunft zu verringern.

Die Unterschiede zwischen den Ländern in den vier Kriterien sind teils erheblich. Keines bildet den einsamen Spitzenreiter, keines das Schlusslicht. So wird sich wie schon vor einem Jahr jede Landesregierung das heraussuchen, was ihr zupasskommt. Wer wie die Macher des Chancenspiegels das Maximalziel der Hochschulzugangsberechtigung zum Referenzpunkt erklärt, der mag die geringeren Quoten im Süden oder auch im Osten gegenüber den hohen im Norden und Nordrhein-Westfalen als Problem ansehen. Der Chancenspiegel schreitet damit auf einem Weg zu einer Akademiker-Gesellschaft voran, der vor allem linke Parteien wie Grüne, SPD und die Linke das Wort reden.