Echelon

Die tausend Augen der Supermacht

Das britische Abhörprogramm gehört zum Spähnetz von US-Abhörchef Keith Alexander. Ein kleiner Techniker bedroht jetzt sein Imperium

Alexander der Große kennt Deutschland ganz gut. Keith Alexander, heute Chef des amerikanischen Auslands-Abhördienstes National Security Agency (NSA), war Aufklärungsoffizier der 2. Panzerdivision im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck bei Bremen – 20 Jahre bevor er 2005 jene Positionen in der weltweiten US-Aufklärung übernahm, die ihm heute den Spitznamen „der Große“ eingetragen haben. Befördert wurde er von einem Chef mit niedersächsischen Vorfahren, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Er machte General Alexander zum Herren über die Augen und Ohren Amerikas. Keith Alexander wurde in dieser Eigenschaft auch Chef des weltweiten Abhörnetzwerks Echelon, in welchem Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland mit den USA kooperieren – die gewaltigste Computermacht, die weltweit in einem Verbund existiert.

Was diese Macht kann, verrät der 29-jährige Amerikaner Edward Snowden derzeit der britischen Zeitung „Guardian“. Die neueste Enthüllung betrifft die enorme Rolle, die der britische Abhördienst GCHQ (Government Communications Headquarters, Kommunikationszentrale der Regierung) im Netzwerk Echelon spielt. Die Briten haben ab Herbst 2010 mehr als 200 unterseeische Glasfaserkabel angezapft, über die der Großteil des weltweiten Internetverkehrs läuft, 46 der Leitungen können sie zeitgleich überwachen. GCHQ kopiert offenbar den gesamten Datenverkehr, speichert ihn für 30 Tage auf eigenen Servern und liest die Informationen aus. Der „Guardian“ umreißt die Datenmenge mit dem Vergleich, das Tagesvolumen sei 192-mal so hoch wie der gesamte Bestand der britischen Nationalbibliothek. 300 Briten und 250 Amerikaner der NSA sind ständig mit der Auswertung beschäftigt. Eine britische Geheimdienstquelle sagte der Zeitung, die Daten würden nach den Suchkriterien Terror, organisierte Kriminalität, nationale Sicherheit „und wirtschaftliches Wohlergehen“ durchsucht – letzteres betrifft Wirtschaftsspionage. Die Briten überwachen gezielt etwa 40.000 E-Mail-Konten und Telefonanschlüsse, die Amerikaner etwa 31.000.

Die Operation trägt den Codenamen „Tempora“ und wird anscheinend ohne die scharfen Vorschriften durchgeführt, die der NSA in Amerika die Hände binden. Denn wenn Kommunikationsdaten in die USA fließen oder dort ihren Ursprung haben, dann darf der US-Dienst solche Daten nur mit strengen Auflagen speichern und analysieren. Das geht aus einem streng geheimen Dokument von 2009 hervor, das der „Guardian“ ebenfalls publiziert hat.

Sogar die Überwachung von Personen, die außerhalb der USA systematisch abgehört werden, muss bis auf wenige Ausnahmen umgehend gestoppt werden, wenn die Betroffenen in die Vereinigten Staaten eingereist sind. Der britische Dienst kennt derartige Skrupel offenbar nicht. „Sucht euch aus, was euch interessiert“ – so fasste der anonyme Gewährsmann des „Guardian“ das Angebot der GCHQ-Techniker an ihre US-Kollegen zusammen.

Edward Snowden wurde nun als Spion angeklagt. Seine Offenlegung der Abhörprogramme war der schwärzeste Tag in Keith Alexanders Karriere, und der schwärzeste Tag der NSA überhaupt. Der Verrat von Militärcodes an Moskau betraf nur einzelne Militärbereiche. Snowden hingegen hat das Gesamtbild der Aufklärung offengelegt. Er betreute bis Anfang Juni als Angestellter einer Unternehmensberatung die Technik einer NSA-Abhörstation auf Hawaii. Wie ein simpler Techniker an topgeheime NSA- und GCHQ-Dokumente kam, ist eine der Fragen, die Keith Alexander Sorgen bereiten.

Der General, heute 61 Jahre alt, hat bis zum Tag Snowden seine Möglichkeiten zu nutzen gewusst. Er wurde zum Wundermann der Streitkräfte, der Geld noch dann lockermachte, wenn selbst Flugzeugträger eingemottet werden. Aber Flugzeugträger sind eben nicht mehr der Stolz des Pentagons. Der Stolz gilt heute der unsichtbaren Streitmacht hinter den Spiegelfassaden von Fort Meade – dort sitzt Alexanders Behörde in einer Festung von der Größe einer Kleinstadt, deren Bewohner nahezu ausschließlich Computerfreaks sind.

Alexanders Imperium wuchs stetig. Binnen fünf Jahren unterstanden ihm eine neue Teilstreitkraft in der Truppenstärke von zwei Armeen. Er befehligt neben dem nationalen Abhör- und Verschlüsselungsdienst NSA auch den Zentralen Sicherheitsdienst CSS, der für die Koordinierung der Datensammlung aller Teilstreitkräfte und für die Ausführung von speziellen Aufklärungsmissionen zuständig ist. 2009 kam das US Cyber Command hinzu, eine neu geschaffene Einheit für die offensive Computerkriegführung. In ihm wurden alle Abhörflugzeuge in der 24. US-Luftarmee zusammengefasst, mit der Alexander nun eine eigene Luftstreitkraft besitzt. Sie operiert von zwei Basen in Texas und Georgia aus und ist rund 5000 Mann stark. Seit 2010 sind zudem sämtliche Aufklärungsschiffe in der zehnten Flotte konzentriert.

General Allwissend, der zeitweilig seinen Ruf als Computermensch mit einer großen Brille kultivierte, wird viel Geduld brauchen, um das Misstrauen zu zerstreuen, das jetzt grassiert.