Extremismus

Urlaub im Heiligen Krieg

Deutsche Salafisten reisen nach Syrien – der Verfassungsschutz fürchtet ihre Rückkehr

Wenn Sabri Ben A. spricht, dann schwingt stets der rheinische Dialekt mit. „Wenn ihr eure Geschwister liebt, wenn ihr den Islam liebt, wenn ihr Muslime seid: Kommt hier runter!“, sagt der Deutschtunesier in einem YouTube-Video. Und fügt hinzu: „Dat ist hier kein Disneyland-Urlaub oder so wat.“

„Hier runter“, damit meint Ben A. das Bürgerkriegsland Syrien. Dorthin reiste der nordrhein-westfälische Salafist vor Kurzem, angeblich um humanitäre Hilfe zu leisten. In Deutschland fiel Sabri Ben A. nicht durch seine besondere Hilfsbereitschaft auf. Im Gegenteil: Er stellt im Frühjahr 2012 ein Video ins Internet, in dem er Journalisten bedrohte, die kritisch über das Koran-Verteilprojekt der Salafisten berichtet hatten. In Syrien hingegen mimt Sabri Ben A., gekleidet in eine Flecktarnjacke, mit Sonnenbrille und Militärweste, den Helfer in der Not. Er posiert auf ausgebrannten Panzern des Assad-Regimes und vor zerbombten Häusern. „Wie ihr seht, wir sind hier in Syrien“, sagt der Salafist in die Kamera. „Hier geht mächtig die Post ab.“

Sabri Ben A. ist bei Weitem nicht der einzige deutsche Islamist, der in das syrische Kriegsgebiet gereist ist. Ein großer Teil der deutschen Salafisten-Prominenz tummelt sich im Norden des Landes. Fundamentalistische Prediger aus Bonn verteilen kistenweise Medikamente und besuchen Krankenhäuser in Idlib. Berliner Salafisten beteiligen sich an der Müllentsorgung rund um die Stadt Azaz nahe Aleppo. Sie wollen die syrischen Glaubensbrüder im Kampf gegen Diktator Baschar al-Assad unterstützen, sagen die Salafisten. Deutsche Sicherheitsbehörden sind alarmiert. Mehr als 60 Islamisten haben Deutschland seit Ende 2012 mit dem Ziel Syrien verlassen, sagte jüngst Präsident Hans-Georg Maaßen. Weitere 20 säßen „auf gepackten Koffern“. Die Gefahr sei groß, warnte Maaßen, dass diese Personen, meist junge Männer, weiter radikalisiert und mit Kampferfahrung nach Deutschland zurückkehren würden.

Deutschlandweit zählte der Verfassungsschutz 2012 etwa 4500 Salafisten, im Jahr davor waren es noch 3800. Auch in Berlin wächst die Bewegung stetig. 400 Personen rechnet der Berliner Verfassungsschutz der fundamentalistischen Bewegung mittlerweile zu – ein Plus von 50 Personen im Vergleich zu 2011. Gut die Hälfte von ihnen rechnet der Verfassungsschutz im aktuellen Bericht der gewaltorientierten Szene zu.

Islamisten aus Berlin

2009 und 2010 zogen noch Dutzende Islamisten aus Deutschland zur Terrorausbildung ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet Waziristan. Doch diese Region meiden die Dschihadisten mittlerweile, auch aufgrund der US-Drohnenangriffe. „Syrien ist aktuell der interessanteste Ort für Dschihad-Reisende“, sagte kürzlich Bernd Palenda, kommissarischer Präsident des Berliner Verfassungsschutzes. Knapp ein Dutzend Islamisten aus Berlin seien in Syrien aktiv. Die Ausreisen zu verhindern sei kaum möglich, heißt es in Sicherheitskreisen. Etlichen Radikalen sei der Reisepass entzogen worden. Doch ein regulärer Personalausweis reicht aus, um in die Türkei zu reisen. Von dort aus gelangen die Islamisten beinahe ungehindert nach Syrien.

Um dennoch einige Dschihad-Reisende an ihrem Vorhaben zu hindern, setzen Behörden auf die sogenannte Gefährderansprache: Polizisten besuchen die Islamisten zu Hause und machen ihnen klar, dass sie unter Beobachtung stehen: „Wir wissen, was du vorhast. Lass es sein.“ In einigen Fällen haben die Behörden damit Erfolg – insbesondere bei jugendlichen Islamisten, die bei ihren ahnungslosen Eltern wohnen.

Dass die Angst vor Syrien-Rückkehrern begründet ist, zeigt ein Fall aus Belgien. Der Extremist Houssien Elouassaki meldete sich vor einigen Wochen per Telefon aus Syrien bei seinem Bruder im heimischen Vilvoorde. Er plane einen Anschlag auf den Justizpalast von Brüssel, sagte der Extremist. Sein Bruder solle ihm helfen. Behörden hörten das Telefonat ab. Laut Medienberichten nehmen sie die Planungen sehr ernst.