Gedenken

Gauck lobt den Antikommunismus

Bundespräsident nennt den 17. Juni in Ost-Berlin einen „wahren Volksaufstand“

– 13 Jahre alt war Joachim Gauck, als in Ost-Berlin die Panzer rollten. In Gaucks Heimatstadt Rostock und in Warnemünde streikten die Werftarbeiter an jenem 17. Juni 1953. Gauck und seine Freunde hatten schulfrei. „Ich hörte Westsender, wenn sie nicht gerade gestört wurden, und ich war mir sicher: Es wird nicht weitergehen wie bisher. Jetzt beginnt eine neue Zeit.“ Still ist es im Plenarsaal des Bundestages, als Gauck sich an den 17. Juni vor 60 Jahren erinnert. Der Bundespräident ist der Festredner jener Gedenkstunde – und es ist ein Herzensthema, über das Gauck spricht, eng verwoben mit der eigenen Biografie.

Gauck erinnert, er analysiert und er fragt. Weit mehr als ein singuläres Ereignis sei der 17. Juni gewesen, sagt Gauck und erinnert an die Vielfalt des Widerstandes in der Frühphase der DDR: Flugblätter, Losungen, kritische Studenten, mutige Christen und „ein selbst gebastelter Radiosender, der 1949 im Umkreis von 40 Kilometern die Festrede von Staatspräsident Wilhelm Pieck zum 70. Geburtstag von Stalin störte“. Am Tag selbst dann protestierten Bauern, Handwerker, Gewerbetreibende, Studenten, Landwirte, Hausfrauen – und nicht zuletzt einige Mitglieder der SED. Mehr als ein Arbeiteraufstand war der 17. Juni, lautet Gaucks Fazit, „ein wahrer Volksaufstand“.

Nur fünf Tage nach diesem Aufstand benannte der Berliner Senat die Straße zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule in Straße des 17. Juni um, hebt Gauck hervor, und erinnert an jenen gesetzlichen Feiertag im Westen (vorangetrieben von Herbert Wehner): „Der Bundespräsident des Jahres 2013 möchte an diesem Tag der alten Bundesrepublik von 1953 von Herzen Dank sagen, dass das größere Deutschland den Freiheitsmut des kleineren Deutschlands aufbewahrte, ehrte und würdigte.“

Doch Gauck wäre nicht Gauck, wagte er nicht auch Kritik. Im Westen sank der Tag der Deutschen Einheit zu einem inhaltlich entleerten Feiertag ab, reduzierte sich zum Thema „von einzelnen Engagierten, die gegen den Strom schwammen und Kritik am Kommunismus weder als konservativ noch als reaktionär verstanden wissen wollten“. Auch er selbst, sagt Gauck, habe Thomas Manns Diktum von der „Grundtorheit des Antikommunismus“ lange geteilt. Doch es habe einen Antikommunismus gegeben und gebe ihn, der entstanden sei aus Leid, Willkür und millionenfachen Tod. Wer das nicht erkenne, sagt Gauck, „der hat das 20. Jahrhundert nicht verstanden“.