Integration

Kurzbesuch in Deutschland

OECD-Studie: Die wenigsten Zuwanderer bleiben länger als ein Jahr. Wettbewerb nimmt zu

Deutschland schafft es nicht, seine Zuwanderer lange zu halten. So war nur jeder zweite Grieche, der 2011 in Deutschland lebte, bereits länger als ein Jahr da, ähnlich war es bei den Portugiesen. Bei den Spaniern blieb nur jeder Dritte länger als zwölf Monate, und auch nur 40 Prozent der Italiener ließen sich längerfristig im Land nieder. Die Zahlen legte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem am Donnerstag veröffentlichten „Internationalen Migrationsausblick“ vor.

OECD-Experte Thomas Liebig ermahnte Deutschland, mehr für seine Willkommenskultur zu tun. Auch Zuwanderer, die aus Drittstaaten wie China, Russland oder Indien kommen, verabschieden sich laut OECD spätestens nach zwei Jahren aus Deutschland. Personen mit Migrationshintergrund müssten häufig mehr als zweimal so viele Bewerbungen schreiben wie Personen ohne Migrationshintergrund mit ansonsten identischem Lebenslauf, so Thomas Liebig. Deutschland habe bei den internationalen Studenten in den vergangenen Jahren trotz des Abbaus einiger Zuwanderungshürden erheblich an Marktanteil verloren. „Der Wettbewerb um hoch qualifizierte Migranten nimmt weiter zu“, sagte Liebig. Vor allem die USA und auch China seien starke Konkurrenten.

Gut für den Haushalt

Gut vier Millionen Menschen wanderten 2011 – dem aktuellsten Jahr mit vergleichbaren Daten – dauerhaft in die 34 OECD-Staaten ein. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Plus von zwei Prozent, der Zuzug war aber trotzdem geringer als vor der Wirtschaftskrise (4,7 Millionen). In Deutschland war der Anstieg so stark wie in kaum einem anderen OECD-Land. Knapp 300.000 Menschen kamen, ein Zuwachs von 68.000 im Vergleich zu 2010.

Zwischen 2007 und 2011 erhöhte sich die Zahl der Einwanderer aus Griechenland um 73 und aus Spanien um knapp 50 Prozent. Kräftige Zuwächse gab es zudem bei Portugiesen und Italienern (35 Prozent). Im vergangenen Jahr setzte sich die Entwicklung fort. Das Gros der Zuwanderer kommt jedoch nach wie vor aus Osteuropa. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit im EU-Wirtschaftsraum sei in Deutschland für den größten Teil der dauerhaften Zuwanderung verantwortlich.

Deutschland profitiert von der Zuwanderungswelle. „Die Migranten, die derzeit nach Deutschland einwandern, haben einen positiven Effekt auf den Haushalt“, sagte Liebig in Berlin. Das liege vor allem daran, dass diese jung und vergleichsweise gut qualifiziert sind. Die OECD geht davon aus, dass diese Personen mehr an Steuern und Sozialabgaben einzahlen, als sie über Sozialleistungen in Anspruch nehmen. „Die Migranten, die derzeit nach Deutschland einwandern, haben einen positiven Effekt auf den Haushalt“, sagte Liebig. Betrachtet man alle Zugewanderten, die in Deutschland leben, dann ergibt sich ein anderes Bild – dann kommt man zu dem Ergebnis, dass diese den deutschen Haushalt belasten. Das liegt an der speziellen Struktur der zugewanderten Bevölkerung hierzulande – ein großer Teil ist über 65 Jahre alt und bezieht eine Rente. Dazu kommt, dass in Deutschland auch Aussiedler und Spätaussiedler eine Rente beziehen, die kaum oder gar nicht in die Sozialkassen eingezahlt hätten, erklärt Liebig.

Die Zusammensetzung der Gruppe der Zuwanderer hat sich stark verändert. Früher gab es vor allem die Familienzusammenführung bei Gastarbeitern sowie den Zuzug von Aussiedlern und Flüchtlingen. Inzwischen entfallen gut zwei Drittel auf die Arbeitsimmigration, vor allem aus der Europäischen Union. Der OECD zufolge ist inzwischen die Arbeitnehmerfreizügigkeit im europäischen Wirtschaftsraum für 68 Prozent der Migration nach Deutschland verantwortlich. Diese Zuwanderer sind meist jung und gut qualifiziert, sie haben gute Aussichten, einen Job zu finden und dann Steuern und Sozialbeiträge zu zahlen.

In den meisten OECD-Ländern üben die Migranten eine positive Wirkung auf den Haushalt aus. Am größten ist der „Gewinn“ in der Schweiz mit 15.000 Euro pro Haushalt. Die Untersuchungen der OECD zeigen, dass Migranten in den OECD-Ländern in der Regel zwar weniger Steuern und Abgaben zahlen als die heimische Bevölkerung. Der Grund ist in den meisten Fällen, dass Zugewanderte niedrigere Löhne beziehen. Die OECD hat aber auch herausgefunden, dass die Zugewanderten weniger Sozialleistungen in Anspruch nehmen als die aus dem Land stammende Bevölkerung. Migranten, die niedrig qualifiziert sind, zahlen mehr Steuern und Abgaben als Einheimische mit den gleichen Merkmalen.

Diplome nicht anerkannt

Liebig zufolge haben es die Akademiker unter den Zuwanderern in Deutschland besonders schwer, einen Job zu finden. Das liegt vor allem daran, dass ihre Diplome oftmals nicht anerkannt werden. Liebig empfiehlt, sie über sogenannte Brückenangebote nachzuqualifizieren.

Die Aussichten, dass dann nicht nur die Wirtschaft von einer Fachkraft, sondern auch der Fiskus von Steuereinnahmen profitieren könnte, sind bei den hoch qualifizierten Zuwanderern aber auch besonders gut. Würden sie gleichermaßen wie deutsche Akademiker in den Arbeitsmarkt integriert, dann gäbe es laut der OECD Gewinne für den Staat in Höhe von über 3,5 Milliarden Euro.