SPD

„Holterdiepolter“: Steinbrück zieht die Reißleine

SPD-Kanzlerkandidat entlässt seinen Sprecher und präsentiert Ex-Journalisten als Nachfolger

Ein wenig orientierungslos wirkt er schon. Er schaut sich um und weiß nicht so recht, an wen er sich denn wenden soll. Rolf Kleine, der neue Sprecher des SPD-Kanzlerkandidaten, steht am Montagmittag im sonnenhellen Foyer des Willy-Brandt-Hauses. Eben erst endet die Pressekonferenz. Nicht Peer Steinbrück ist der Magnet. Es ist vielmehr die Nachricht, dass Steinbrück sich von seinem Halb-Jahres-Sprecher Michael Donnermeyer trennt. Das kommt einem ziemlich unerwarteten Paukenschlag gleich.

Das Büro für Rolf Kleine, den neuen Sprecher, dürfte sich schnell finden. Die Orientierung, die der frühere „Bild“-Journalist sucht, wird er sich schnell verschaffen müssen. In 104 Tagen ist Bundestagswahl. Da Steinbrück die bisherigen immerhin 250 Tage seiner Kandidatur für allerlei genutzt hat, nur nicht für eine Aufholjagd, ist etwas Eile geboten.

Als verkorkst galt das Kommunikationsmanagement des Kandidaten Steinbrück von Beginn an. „Holterdiepolter“, so sagt es Steinbrück selbst, wurde er Ende September 2012 zum Kandidaten ausgerufen. Es folgte die Debatte über seine sogenannten Nebentätigkeiten als Abgeordneter, die ungeschickte Äußerung zum zu geringen Kanzlergehalt und, und, und. Allerhand davon wurde dem Sprecher Donnermeyer angelastet.

Steinbrück hat dies öffentlich nie getan, und so hält er es auch am Montagmittag. Ja, er habe entschieden, sich von Donnermeyer zu trennen, und dabei handele es sich um eine „harte und schwierige Entscheidung, auch menschlich schwer“. Intakt sei das beiderseitige Verhältnis und mehr als nur von Sympathie geprägt. „Aber Michael Donnermeyer kennt das politische Geschäft“, sagt Steinbrück. Nur einen Hauch von Kritik offenbart er indirekt, wenn er ankündigt, „professioneller“ müsse es im Wahlkampf zugehen. Steinbrück findet für Donnermeyer wahrhaft freundliche Worte, sagt: „Es tut mir leid, dass ich ihm die Entscheidung auf die Schultern legen muss.“ All das provoziert Fragen, weshalb denn Donnermeyer habe gehen müssen. „Das brauche ich nicht zu erklären“, blafft Steinbrück einen Reporter an. Er mache jedenfalls niemanden für Fehler verantwortlich. Wenn es dafür einen Schuldigen gebe, „dann bin ich es selber“. Steinbrück blieb seinem Sprecher treu, obwohl zwischen diesem und dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel längst die Fetzen geflogen waren. Der Wechsel von Donnermeyer zu Kleine zeigt bei alldem, wie sehr Steinbrück zuweilen zögert und zaudert – auch wenn dies so ganz und gar nicht seinem öffentlichen Bild entspricht.

In der Tat ist Kleine den meisten Berliner Korrespondenten bekannt. Er arbeitete von 1994 bis 2012 für die „Bild“-Zeitung, abgesehen von einem kurzen Intermezzo bei der „Berliner Zeitung“. Ob die neue Aufstellung denn einen „Neustart“ bedeute, will eine Journalistin von Steinbrück wissen. „Ich brauche keinen Neustart“, antwortet er. Trotz schwingt da mit. In der SPD applaudieren sie heute dem Kandidaten. Ganz so, als hofften sie auf: einen Start.