Kommentar

Endstation Ballermann

Ulrich Clauß über „Wetten, dass..?“ und den Zustand der öffentlich-rechtlichen Unterhaltung

Das Medienecho ist vernichtend, quer durch die gesamte Presselandschaft. „Lektion in Sachen Fremdscham“, „Ansammlung von peinlichen Anzüglichkeiten“, „Eine Fernsehshow demontiert sich selbst“, „Horror der Hänger und Hangeleien“. Selbst vor dem schon lange abgesenkten Erwartungshorizont der deutschen TV-Kritik erscheint die Mallorca-Ausgabe der ZDF-Show „Wetten, dass..?“ als ein Desaster. Ein Zieleinlauf der deutschen TV-Unterhaltung am Ballermann. Der Versuch, dem vermeintlichen Massengeschmack dort hinterher zu rennen, wo er sich zum Strand-Delirium niederlegt, geriet zum Offenbarungseid öffentlich-rechtlicher TV-Unterhaltungskultur.

Nun kann immer einmal eine Sendung daneben gehen, Gäste können unerwartet absagen, der Moderator einen schlechten Tag haben, oder – live ist live – einfach der Wurm drin sein. Wenn das aber alles gleichzeitig passiert, und nicht zum ersten Mal, dann stellen sich Fragen, die über einen einzelnen hochnotpeinlichen Fernsehabend weit hinausgehen. Der Quotentiefpunkt, den diese verunglückte Mallorca-Sause eingefahren hat, steht durchaus in einer Reihe von vorausgegangen Misserfolgen.

Doch der Ruf nach einem Erlöser für die Show und den unglücklich agierenden Moderator Markus Lanz wirkt jetzt reichlich hilflos. Bei allem Respekt für Stefan Raab– hier geht es mehr als den Frontmann. Das Problem geht weit über die „Wetten, dass..?“-Malaise hinaus.

Zu fragen ist doch: Wie kommt es eigentlich, dass es weder dem ZDF noch den anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland gelingt, an ihre eigene große Tradition der TV-Unterhaltung anzuknüpfen? Wann ist da eigentlich welcher Faden gerissen? Warum scheitert diese weltweit einzigartig üppig finanzierte öffentlich-rechtliche System in Deutschland permanent am eigenen Anspruch, auf zumindest mittleren Geschmacksniveau originelle Unterhaltung zu produzieren? Wie konnte im öffentlich-rechtlichen Unterhaltungskomplex, der einmal ein Talentschuppen war, eine derartige Diktatur der Mittelmäßigkeit Einzug halten?

Diese Fragen stellen sich ja seit Jahren schon nicht nur für die öffentlich-rechtlichen TV-Shows. Auch im Sektor der Serien-Unterhaltung gähnt den deutschen Fernsehzuschauer ja hoch finanziertes, mitunter sogar auch peinliches Mittelmaß an. Die Abwanderung des Publikums in die Videotheken, wo hochkarätige, zumeist angelsächsische TV-Serienproduktionen zum Verleih-Schlager wurden, spricht für sich. Das kann in diesem kontinuierlichen Niedergang nicht nur am Versagen einzelner Verantwortlicher in den Fernsehanstalten liegen. Hier stellt sich die Frage nach dem System. Jedenfalls hält das Niveau deutscher TV-Unterhaltung dem Vergleich mit Produkten anderer Medienorganisationsformen im Ausland nicht stand. Das deutsche Gremien-Fernsehen gehört in andere Organisationsformen überführt. Nach dem Motto „Da lacht der Rundfunkrat“, kann es nicht ewig so weitergehen.