Anschlag

Ging die Toleranz zu weit?

Die Briten fragen sich, warum die Imame der Woolwich-Terroristen weiter predigen dürfen. Moscheen stehen hilflos vor Problemen

Die britische Regierung will nach dem mutmaßlichen Terrorangriff auf einen Soldaten schärfer gegen islamische Extremisten vorgehen. Radikale Prediger, die in Moscheen, Schulen oder Gefängnissen um Unterstützung werben, und Internetseiten mit extremistischem Inhalt sollen künftig stärker überwacht werden, sagte ein Sprecher der Downing Street am Sonntag. In einer neu eingerichteten Task Force gegen Extremismus sollen neben hohen Regierungsvertretern auch Geheimdienste und Polizei zusammenarbeiten. Die Gruppe solle vor allem praktische Maßnahmen ausarbeiten und auf den Weg bringen, hieß es.

Innenministerin Theresa May sagte, dass in Großbritannien Tausende Menschen lebten, die potenziell radikalisiert werden könnten. Sie seien unterschiedlich weit auf dem Weg hin zum gewaltsamem Extremismus, und es müsse genauer geprüft werden, ob es im Umgang mit ihnen neue Regelungen und Gesetze brauche, sagte sie in einem Interview mit dem Sender BBC am Sonntag. Derzeit arbeiten laut May rund 500 Polizisten und Sicherheitsbeamte an der Aufklärung der Attacke, bei der der 25 Jahre alter Soldat Lee James Rigby brutal getötet worden war.

Die beiden Männer, die sich zu der Bluttat bekannten, Michael Adebolajo, 28, vermutlich der Anführer, sowie der 22-jährige Michael Adebowale gehörten zu der 2005 verbotenen radikalen Sekte al-Muhajiroun. Sie operiert seither in diversen Verzweigungen weiter, so in einer Gruppe mit Namen Muslime gegen Kreuzfahrer, die 2010 gegen Christen protestierte, wobei Adebolajo sich besonders hervortat. Das zeigen nun aufgetauchte Videos. „Euer Papst ist ein Pädophiler“, deklarierte der Islamist. „Nehmt den Islam an, zu eurer eigenen Sicherheit. Sonst werden wir die Drohung Allahs, des Allmächtigen, über euch bringen. Wir sind zum Märtyrertod oder zum Sieg aufgerufen.“ Auf anderen Demonstrationen, die zu Handgemengen mit der Polizei führten, hörte man ihn offen das Recht verteidigen, „jene zu köpfen, die den Islam beleidigen“. Das genau versuchte Adebolajo offenbar bei Lee James Rigby zu tun, den er vergangene Woche ermordete.

Die zweite Quelle über den Verdächtigen stammt aus Kenia. Dort stand Adebolajo im November 2010 zusammen mit acht kenianischen Jugendlichen vor Gericht, unter dem Verdacht, er habe sie für einen Einsatz des somalischen Al-Qaida-Ablegers al-Schabab vorbereitet. Al-Schabab taucht seit Längerem auf dem Radarschirm westlicher Sicherheitsdienste auf. Der MI5 hatte noch im September 2010 in einem Vermerk auf die Gefahr durch Briten, die sich in Somalia als Terroristen ausbilden lassen, hingewiesen. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit“, so das Memorandum, „bis wir auf unseren Straßen Terrorismus erleben, inspiriert von denen, die schon jetzt an der Seite von al-Schabab kämpfen.“

Der 22-jährige Michael Adebowale war noch vor zwei Wochen in Woolwich aufgefallen, weil sich Geschäftsinhaber bei der Polizei beschwerten, er habe beim Verteilen radikaler Flugblätter mehrere ihrer Kunden belästigt. Die Polizei ermahnte den Mann und untersagte ihm seine Tätigkeit. Das war alles. Diese Reaktion ist typisch für die „softly, softly“-Methode, mit der in England solche Verstöße oft geahndet werden. In keinem anderen europäischen Land wird das Recht der freien Rede so extrem tolerant ausgelegt.

Doch dies steht nach dem bestialischen Mord in Woolwich wie ein möglicher Irrweg auf dem Prüfstand. Alles, was die Regierungen seit dem Terroranschlag auf die Londoner Verkehrsbetriebe im Sommer 2005 an Anti-Terror-Maßnahmen einleiteten, darunter das „Prevent“-Programm eines weitläufigen Dialogs mit den muslimischen Gemeinschaften, hat kaum geholfen, den Boden potenzieller Gewaltbereitschaft unter den nach Tausenden zählenden Islamisten zu entgiften. Die Verantwortlichen wirken machtlos gegenüber der wachsenden Radikalisierung Jugendlicher. Wobei mit „Verantwortlichen“ vor allem auch Colleges und Universitäten gemeint sind, sogar Gefängnisverwaltungen, auf deren Gelände unter dem Deckmantel freier Religions- und Meinungsäußerung radikale Elemente eindringen. An vielen „Islam Societies“ werden radikale Prediger eingeladen, deren Namen überall bekannt sind, und dürfen Vorträge halten zur Unterwanderung labiler Jugendlicher aus gefährdeten Familien.

Ein gewisser Abu Usamah al-Thahabi durfte vor einiger Zeit am King’s College in London Osama Bin Laden loben und ausführen: „Wenn ich Homosexuelle pervertierte, schmutzige, dreckige Hunde nennen würde, die man ermorden sollte, das fiele doch unter meine Redefreiheit, oder?“ Das Problem weitet sich aus, bezieht man das, was in den Moscheen des Landes passiert, mit in Betracht. Beide der Tat vom Mittwoch Verdächtigen haben an einer Moschee in Greenwich ihre „Feuertaufe“ erhalten, ursprünglich durch den ehemaligen Anführer der später verbotenen al-Muhajiroun, dann aus Nachfolgeorganisationen. Die gemäßigten Moschee-Leitungen werden dieser Entwicklung oft nicht Herr, die Familien der in ihrer Jugend Unterwanderten erst recht nicht.

Die Öffentlichkeit hat daher nicht allzu viel Vertrauen in das neue interministerielle Gremium, das Premierminister David Cameron am Wochenende aus der Taufe hob, Terfor genannt, Tackling Extremism and Radicalisation Task Force. Das Wort „tackling“ bezeichnet die Bekämpfung von etwas. Von Vorbeugung ist gar nicht die Rede.