Kommentar

Gegensteuern ohne Alarmismus

Joachim Fahrun über die Mietentwicklung in Berlin und was nun zu tun ist

Wir sind Weltstadt und in Metropolen kostet das Wohnen eben viel. Wenn die Wirtschaft läuft und viele Menschen in die Stadt ziehen, steigen eben die Mieten. Und die Berliner sollen sich mal nicht beklagen, in anderen Städten sind Wohnungen noch viel teurer. Im Durchschnitt 5,54 Euro pro Quadratmeter kalt zahlt man in der Stadt ausweislich des frischen Mietspiegels. Ein Witz im Vergleich zu München, Paris oder London.

Tatsächlich sind alle diese Aussagen nicht falsch. Natürlich macht Berlin nach der historischen Ausnahmesituation von Teilung, Wiedervereinigung und Sterben der Industrie eine Phase der Normalisierung durch. Dazu gehören auch international vergleichbare Mietforderungen in den attraktivsten Teilen der Innenstadt.

Aber so leicht ist die Sache nicht. Denn erstens ist eine Wohnung zum Durchschnittspreis kaum zu kriegen. Zweitens sind die Berliner Einkommen weit entfernt vom Niveau von München oder London. Und drittens müssen wir uns fragen, ob es erstrebenswert ist, wenn Wachleute, Kita-Erzieherinnen oder Studenten keine Chance mehr auf eine einigermaßen zentrale Bleibe haben. Oder wenn Familien ihre halbwüchsigen Kinder in einem kleinen Raum schlafen lassen müssen, weil es in ihrer Gegend keine für Normalverdiener bezahlbare größere Wohnung gibt. Oder wenn alte Damen in 150-Quadratmeter-Palästen ein Zimmerchen nutzen, weil sie der Wechsel in eine kleinere Wohnung teurer käme als ihr alter Mietvertrag.

Noch können wir in Berlin gegensteuern. Es gibt keinen ökonomisch vernünftigen Grund, warum Eigentümer Miete um 30 oder 40 Prozent hochsetzen dürfen, nur weil dauernd der mobile Student aus- und ein Berlin-begeisterte Projektmanager einzieht. In einer solchen Spirale haben diejenigen, die auf Dauer mieten wollen, das Nachsehen, weil es viel lukrativer ist, auf den nächsten Auszug mit anschließendem Preissprung zu spekulieren. Und es gibt keinen Grund, nicht – wie andere Metropolen auch – wieder sozialen Wohnungsbau zu betreiben und ein paar Tausend neue Wohnungen mit subventionierten Mieten zu errichten oder Belegungsrechte im Bestand zu sichern. Das kostet Geld, aber für eine Stadtgesellschaft ist es nicht unwichtig, auch ihren ärmeren Mitgliedern die Gelegenheit zur Teilhabe zu bieten. Es wird Zeit, dass es damit losgeht und der Streit um Konzepte endlich endet.

Der Mietspiegel zeigt aber auch, dass Alarmismus nicht geboten ist. Mancher, der von der Mietenexplosion spricht, kocht sein eigenes Süppchen. Die einen wollen womöglich die Menschen daran gewöhnen, dass sie noch Glück haben, wenn sie die Wohnung für zehn Euro ergattern. Und andere träumen von einer Rückkehr zur wilden Subventionspolitik früherer Jahre, an der so viele prächtig verdient haben. Wir brauchen eine Wohnungspolitik, die der Normalität einer wachsenden Metropole gerecht wird. Mit Mietkontrollen gegen Exzesse, Neubau, Angeboten für Arme und der Bereitschaft zu akzeptieren, dass Berlin nicht so bleiben kann wie früher.