Spionage

Mutmaßlicher CIA-Agent verlässt Russland

Ryan Fogle zur „unerwünschten Person“ erklärt. Für die USA kommt die Affäre zur Unzeit

Der in Russland gefasste mutmaßliche CIA-Agent Ryan Fogle hat einem Fernsehbericht zufolge das Land verlassen. Der Sender NTV zeigte entsprechende Bilder von einem Mann an einem Flughafen. Zu sehen war, wie der Mann an einem Check-in-Schalter steht und durch die Sicherheitskontrolle geht. Laut NTV wurden die Aufnahmen am Sonntag am Moskauer Flughafen Scheremetjewo gemacht. Bei dem Gefilmten handele es sich um Ryan Fogle.

Zwei Perücken eingesetzt

Die russische Polizei hatte den US-Diplomaten am Dienstag festgenommen. Der Mann sei auf frischer Tat ertappt worden, als er einen russischen Geheimdienstmitarbeiter für die CIA anwerben wollte, teilte der Geheimdienst FSB mit. Bei seiner Festnahme hatte der mutmaßliche Spion den Angaben zufolge technische Geräte, Verkleidungsgegenstände, eine große Summe Bargeld und handschriftliche Anweisungen bei sich. Als Tarnung soll er als dritter Botschaftssekretär in der politischen Abteilung der Moskauer US-Botschaft gearbeitet haben. Russland erklärte Fogle zur „unerwünschten Person“, die das Land umgehend verlassen muss. US-Botschafter Michael McFaul war wegen des Vorfalls am Mittwoch in das russische Außenministerium einbestellt worden. Zuvor hatten russische Medien den enttarnten US-Spion wie eine Trophäe präsentiert. Genüsslich breiteten sie aus, wie der junge Diplomat Fogle offenbar unter Einsatz von zwei Perücken und mit 500-Euro-Scheinen versucht haben soll, russische Geheimdienstler auf seine Seite zu ziehen.

Die russischen Fahnder fassten Fogle in der Nacht zum 14. Mai in einem Moskauer Park in flagranti, als er einem FSB-Mitarbeiter Instruktionen und 100.000 Dollar als Vorschuss übergeben wolle. Mit dabei hatte er nach offiziellen Angaben auch ein Schreiben mit der Anrede „Lieber Freund“. Das Ziel des US-Agenten waren Informationen aus erster Hand über Umtriebe von Terroristen im russischen Konfliktgebiet Nordkaukasus – und dort besonders die islamisch geprägte Teilrepublik Dagestan. Grund für seinen Spionageeinsatz war der Terroranschlag auf den Marathon in Boston im April.

Für die USA kommt der Moskauer Agentenkrimi zur Unzeit, weil die Beziehungen zu Russland als so schlecht gelten wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Die Russen wollen den Fall offenkundig nutzen, um den „Weltpolizisten“ USA öffentlich bloßzustellen. „Der Erfolg unserer Spionageabwehr ist offensichtlich. Und dass dies eine Schlappe der Amerikaner ist, zeigt sich ebenfalls absolut klar“, hatte der frühere Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Nikolai Kowaljow, denn auch gejubelt. Allerdings räumt er auch ein, dass die Amerikaner im Grunde nur das tun, was jeder tut. Der Versuch, sich gegenseitig die Agenten abzuwerben, sei Routine. Tatsächlich gilt es auch als übliche Praxis, dass Geheimdienstleute oft undercover in Botschaften arbeiten, weil der Status als Diplomat sie schützt. Deshalb wird Fogle nun Russland auch nur schleunigst verlassen müssen; Gefängnis muss er nicht fürchten.

Dass der mutmaßliche Mitarbeiter der CIA ausgerechnet jetzt medienwirksam vor laufenden Kameras des Staatsfernsehens enttarnt wurde, war auch aus Sicht russischer Experten kein Zufall. Kreml-Chef Wladimir Putin, einst selbst FSB-Chef, sieht sein Land von westlichen Agenten infiltriert. Nicht zuletzt wegen der überall vermuteten westlichen Spione lässt Putin seit Wochen auch Nichtregierungsorganisationen mit Razzien überziehen. Dabei ist es Normalität, dass Russland und die USA auch mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges weiter Spionage betreiben. In 2012 wurden in den USA mehrere Russen in verschiedenen Fällen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der jüngste Vorfall in Russland war jedoch die erste Festnahme eines US-Diplomaten wegen mutmaßlicher Spionage seit rund zehn Jahren.