Außenpolitik

Russland führt enttarnten US-Agenten vor

Präsident Putin sieht sein Land von Spionen infiltriert

Wie eine Trophäe präsentieren russische Medien den enttarnten US-Spion Ryan Fogle. Genüsslich breiten sie aus, wie der junge Diplomat offenbar unter Einsatz von zwei Perücken und mit 500-Euro-Scheinen versucht haben soll, russische Geheimdienstler auf seine Seite zu ziehen. Für die USA kommt der Moskauer Agentenkrimi zur Unzeit, weil die Beziehungen zu Russland als so schlecht gelten wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Die Russen nutzen den Fall, um den „Weltpolizisten“ USA öffentlich bloßzustellen.

„Der Erfolg unserer Spionageabwehr ist offensichtlich. Und dass dies eine Schlappe der Amerikaner ist, zeigt sich ebenfalls absolut klar“, jubelt der frühere Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Nikolai Kowaljow. Allerdings räumt er auch ein, dass die Amerikaner im Grunde nur das tun, was jeder tut. Der Versuch, sich gegenseitig die Agenten abzuwerben, sei Routine. So gilt es auch als übliche Praxis, dass Geheimdienstleute oft undercover in Botschaften arbeiten, weil der Status als Diplomat sie schützt. Deshalb wird Fogle nun Russland auch nur schleunigst verlassen müssen; Gefängnis muss er nicht fürchten.

Dass der mutmaßliche Mitarbeiter der CIA aber ausgerechnet jetzt medienwirksam vor laufenden Kameras des Staatsfernsehens enttarnt wird, ist aus Sicht russischer Experten kein Zufall. Präsident Wladimir Putin, einst selbst FSB-Chef, sieht sein Land längst von westlichen Agenten infiltriert. Nicht zuletzt wegen der überall vermuteten westlichen Spione lässt Putin seit Wochen auch Nichtregierungsorganisationen mit Razzien überziehen.

Die russischen Fahnder fassten Fogle in der Nacht zum 14. Mai in einem Moskauer Park in flagranti, als er einem FSB-Mitarbeiter Instruktionen und 100.000 Dollar als Vorschuss übergeben wollte. Mit dabei hatte er nach offiziellen Angaben auch ein Schreiben mit der Anrede „Lieber Freund“. Das Ziel des US-Agenten: Informationen aus erster Hand über Umtriebe von Terroristen im russischen Konfliktgebiet Nordkaukasus – und dort besonders in der islamisch geprägten Teilrepublik Dagestan. Der Grund für den Spionageeinsatz: der Terroranschlag auf den Marathon in Boston im April.

Die tatverdächtigen Brüder Tamerlan und Dzhokhar Tsarnaev haben ihre Wurzeln im Nordkaukasus, ihre Eltern leben in Dagestan. Vor allem deshalb reist Fogle einem Bericht der Moskauer Zeitung „Kommersant“ zufolge in jene Unruheregion, trifft die Eltern und lernt die zuständigen russischen Geheimdienstler dort kennen.