Anschlag

Der Sog des Terrors

Nach den Attentaten mit 46 Toten wächst in der Türkei die Angst, in den Syrien-Krieg involviert zu werden

Auch wenn nach den Autobombenanschlägen von Reyhanli neun Tatverdächtige festgenommen wurden, entspannt sich die Lage in der Türkei nicht. Im Gegenteil: Die Inhaftierten haben Beziehungen zum syrischen Geheimdienst, sagt Außenminister Ahmet Davutoglu. Damit macht das Attentat in der türkischen Grenzstadt, bei dem am Sonnabend 46 Menschen den Tod fanden, eines klar: Der Syrien-Krieg zieht die Türkei immer mehr in seinen Sog.

Der türkische Außenminister traf sich am Sonntag in Berlin mit seinem deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle (FDP). Westerwelle verurteilte die Anschläge als „barbarischen Terrorakt“. Er warnte, dass Sicherheitsrisiken in der Region zunähmen, und forderte den UN-Sicherheitsrat auf, Position zur Lage zu beziehen.

Der vermutlich verheerendste Terroranschlag in der Geschichte der Türkei bringt die Regierung unter Recep Tayyip Erdogan in Zugzwang. Vor einigen Monaten bereits hatte es harte Drohungen aus Ankara gegeben, nachdem einige Mörsergranaten auf türkischem Staatsgebiet eingeschlagen waren. Nun aber starben Dutzende, mehr als 100 Menschen wurden verletzt, und Außenminister Ahmet Davutoglu hat öffentlich das syrische Regime als Täter bezeichnet.

Mit einer Wortwahl, die kalkuliert schien, eine tatkräftige Reaktion als einzig annehmbaren Weg erscheinen zu lassen. Das Attentat trage „die Handschrift jener, die das Massaker von Banias verübten“, sagte Außenminister Davutoglu. Da waren, allen bisherigen Erkenntnissen zufolge, Hunderte von Sunniten abgeschlachtet worden, und die Regierung in Ankara hatte Syrien beschuldigt, per Völkermord eine „sunnitenfreie“ alawitische Enklave in der Region schaffen zu wollen, als Rückzugsgebiet für den Fall einer Niederlage des alawitischen Assad-Regimes im syrischen Bürgerkrieg.

Türken über ihre Regierung erbost

Konkret beschuldigt die Türkei den syrischen Geheimdienst als verantwortlich für die Autobomben in Reyhanli. Man habe mehrere Personen in der Türkei identifiziert, hieß es bereits am Sonnabend, die „Verbindungen zum syrischen Geheimdienst“ hätten und in den Anschlag verwickelt gewesen seien. Einen Tag später kam dann die Nachricht, dass neun Personen in Zusammenhang mit dem Attentat von türkischen Sicherheitskräften verhaftet worden seien.

Nur, welches Interesse könnte das bedrängte Regime in Syrien haben, sich noch mehr Probleme aufzuhalsen? Denn der Anschlag könnte eine türkische Intervention auslösen, etwa um eine Pufferzone auf syrischem Gebiet einzurichten. Und eine solche Intervention könnte die bislang unwilligen Nato-Partner zwingen, unterstützend einzugreifen.

Dass dennoch eine gewisse Logik dafür sprechen könnte, zeigten erste Reaktionen in der türkischen Bevölkerung. Weit davon entfernt, Rache zu fordern, richtet sich der Zorn gegen die ganze türkische Politik, den Syrien-Konflikt aktiv gestalten und entscheiden zu wollen. Ohnehin lehnen drei Viertel der Türken eine Einmischung in Syrien ab.

Im Internet kursierten bald erste Gerüchte auf türkischen Foren, „die USA und Israel“ stünden hinter dem Anschlag, um die Türkei zu einer Intervention zu bewegen. Der Zeitpunkt – kurz vor einer geplanten USA-Reise Erdogans, bei der es natürlich vor allem auch um Syrien gehen wird – spreche für sich.

In Reyhanli musste die Polizei – Medienberichten zufolge – am Sonnabend Warnschüsse abfeuern, um Übergriffe der örtlichen Türken gegen Syrer zu unterbinden. Am Sonntag tweetete die Reporterin Ayla Albayrak, sie habe in Reyhanli sogar elf- bis 14-jährige Jungs gesehen, auf der Suche nach Syrern, die sie angreifen könnten. Diese Syrer sind deswegen im Land, weil die Türkei ihre Grenzen für Flüchtlinge geöffnet hatte. Hunderttausende kamen bislang. Auch Syriens Rebellen finden auf türkischem Staatsgebiet Zuflucht und ein sicheres Rückzugsgebiet.

Und deswegen müssen Türken sterben, so empfinden es viele. Ein erzürnter Anwohner verfluchte am Sonnabend vor Reportern in Reyhanli Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan für das Unglück, das er über die Stadt gebracht habe. Der wiederum schloss in einer ersten Stellungnahme nicht aus, dass es einen kurdischen Zusammenhang geben könnte. Weil er derzeit einen Friedensprozess mit der PKK vorantreibt: „Nicht alle sind damit einverstanden.“

Der Co-Vorsitzende der Kurdenpartei BDP, Selahattin Demirtas, schien seinerseits – per Facebook-Update – eine Verwicklung der islamistischen syrischen Rebellengruppe al-Nusra für denkbar zu halten, der die Kurden vorwerfen, mit Unterstützung der türkischen Regierung kurdische Gebiete in Syrien anzugreifen. Was wiederum einen kurdischen Gegenschlag zumindest denkbar erscheinen lassen könnte. Sichere Erkenntnisse, wer denn hinter dem Anschlag steckt, wird es so bald wohl nicht geben. Sicher ist nur: Die Türkei bekommt die Folgen ihrer Nähe zum Syrien-Konflikt und ihres Engagements darin immer deutlicher zu spüren.

In Berlin geht es derweil auch um die Beziehungen der Türkei zur EU. Außenminister Westerwelle hatte vor dem Besuch seines Kollegen Davutoglu in einem gemeinsamen Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ angekündigt, eine „deutsch-türkische Europa-Partnerschaft“ entwickeln zu wollen. Man wolle dem Beitrittsprozess „neuen Schwung geben“. Es sei gut, dass in den Beitrittsverhandlungen bald ein neues Verhandlungskapitel eröffnet werde.

Die Union will diesem Vorstoß jedoch mit eigenen Forderungen begegnen. Der Unionsfraktionsvorsitzende Volker Kauder sagte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom Montag, bevor die Beitrittsverhandlungen fortgesetzt würden, müsse die Türkei der Religionsfreiheit Geltung verschaffen. Er werde die Bundesregierung auffordern, auf diese Bedingung zu achten. Die Türkei müsse die EU nicht nur als Wirtschafts-, sondern auch als Wertegemeinschaft begreifen.