Kriminalität

Tatort Deutschland

Kriminalitätsstatistik zeigt Nord-Süd-Gefälle: Berlin gehört zu den gefährlichsten Städten

Der Trost für die Berliner ist schwach: Unter Deutschlands Großstädten ist Frankfurt am Main mit Blick auf die Kriminalität die gefährlichste Stadt Deutschlands. Berlin, als Stadt betrachtet, liegt mit 14.144 Taten dagegen hinter Düsseldorf und Köln erst auf Platz vier. Dies jedoch ist alles andere als ein Grund zu jubeln. Denn verändert man die Bezugsgröße und vergleicht nicht Städte, sondern Bundesländer miteinander, fällt das Ergebnis für den Stadtstaat Berlin desaströs aus: Dann liegt Berlin unangefochten an der Spitze der Straftaten.

Neben den anderen beiden Stadtstaaten Bremen und Hamburg schneidet auch Nordrhein-Westfalen schlecht ab. Bayern hingegen erzielt nicht nur für München mit 7153 Straftaten auf 100.000 Einwohner den besten Wert, sondern erreicht auch als Land insgesamt Bestwerte: Lediglich 4977 Straftaten wurden hier je 100.000 Einwohner registriert. Damit spielt der Freistaat in puncto Sicherheit erneut das Musterland.

Gesamtzahl steigt minimal

Die Zahlen verdeutlichen einmal mehr ein erhebliches regionales Gefälle in der Verteilung von Kriminalität. Der Tatort Deutschland sieht höchst unterschiedlich aus. Die Zahlen stehen in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2012, die Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) an diesem Mittwoch in Berlin vorstellen will. Für den Ressortchef ist der Termin das wichtigste Datum des Jahres. Laut dem 70 Seiten umfassenden Dossier, das der Berliner Morgenpost schon jetzt vorliegt, hat die Polizei im vergangenen Jahr bundesweit insgesamt exakt 5.997.040 Straftaten erfasst. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das eine minimale Steigerung um 0,1 Prozent. Zugleich sank die Aufklärungsquote geringfügig auf 54,4 Prozent.

Die Gesamtkriminalität stagniert also in Deutschland. Den größten Anteil daran haben auch in diesem Jahr wieder die Diebstahldelikte mit 39,7 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies eine Abnahme um ein Prozent auf 2,37 Millionen. Diese Verbrechen werden der Polizei in einem hohen Maß durch Anzeigen der Betroffenen bekannt, weil sie die Schäden bei den Versicherungen geltend machen wollen. Insofern gelten solche Zahlen als „härter“ als in anderen Kriminalitätsbereichen, wo das Dunkelfeld wesentlich größer ist. Ein Teil der Straftaten bleibt verborgen. Die Statistik kann die Verbrechenswirklichkeit also nicht vollständig abbilden, zeigt aber die neuesten Trends in der Ermittlung.

Zur Anzeige gebracht wird zum Beispiel meistens Kfz-Diebstahl. Aufgrund verbesserter Sicherheitssysteme wurden deutlich weniger Autos gestohlen. Genau 29.483 Fälle hat die Polizei registriert, was einen Rückgang um 10,6 Prozent bedeutet. Außerdem gab es 6,1 Prozent weniger Ladendiebstähle (361.759). Der Fahrraddiebstahl bewegt sich hingegen mit 326.159 Fällen weiterhin auf einem hohen Niveau, er nahm nur um 0,8 Prozent ab.

Die Zahlen beim Wohnungseinbruchdiebstahl sind besonders alarmierend, wie die Morgenpost berichtete. Sie zeigen, dass die Polizei das Eigentum der Bürger kaum noch schützen kann. Mehr Polizei wäre nötig. „In einigen Ländern gibt es keine klassische Kripo mehr. Das wissen aber nur die wenigsten. Die Rechnung für diesen Irrsinn zahlen jetzt die Bürger“, sagte André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK).

Auch andere Experten kritisieren die ständig abnehmende Polizeipräsenz. Nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei (GdP) wollen die Länder in den kommenden sieben Jahren bis zu 10.000 Polizeistellen abbauen. Vor allem in Ostdeutschland begründen die Ministerpräsidenten das mit der demografischen Entwicklung. Aus Spargründen setzt mancher Regierungschef ohnehin darauf, dass irgendwann schon die Bundespolizei einspringen wird.

Rainer Wendt, der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, spricht von einem „vorsätzlich organisierten Politikversagen“. Das Gerede vom schlanken Staat habe einen „schwindsüchtigen Staat“ hervorgebracht. Viele Länder hätten in „skandalöser Weise“ Personal in den Einbruchskommissariaten eingespart. Tausende von wichtigen DNA-Spuren würden deshalb einfach liegen bleiben. „In Berlin waren das allein mehr als 8000 DNA-Proben. Eine Auswertung solcher Spuren müssen die Einbrecher also gar nicht fürchten“, klagt Wendt. Der Grund sei, dass die Beamten Prioritäten setzen müssten. Gezwungenermaßen würden sie zuerst die schweren Delikte wie Mord und Totschlag bearbeiten, danach solche wie den Wohnungseinbruchdiebstahl.

Top-Thema Einbrüche

Wendt war früher Polizeihauptkommissar in Duisburg und kennt die Praxis. Nun fordert er, dass die Innenministerkonferenz (IMK) von Bund und Ländern, die sich ab 22.Mai in Hannover trifft, das Thema Wohnungseinbruch ganz oben auf die Agenda setzt. „Das muss das Topthema der Innenministerkonferenz sein, und zwar möglichst ständig“, sagte Wendt. Die IMK hatte allerdings bereits im Februar beschlossen, ein bundesweites „Lagebild“ zu erstellen. Damit sollen nicht mehr bloß Straftaten gezählt werden wie in der Kriminalstatistik, sondern vor allem Reisewege, Spuren und Tatbegehungsweisen aufgedeckt werden.

Die Innenminister erhoffen sich davon, dass sie dann endlich besser koordiniert und länderübergreifend gegen die gut organisierten Diebesbanden vorgehen können. Doch das verhindert momentan noch ein Streit zwischen Bundesinnenminister Friedrich und seinem nordrhein-westfälischen Kollegen Ralf Jäger, dem Sprecher der SPD-Ressortchefs. Der empfindet Friedrichs Vorstoß als Provokation, das Lagebild doch lieber vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden erstellen zu lassen.

Warum haben es angesichts dieser Entwicklungen Verbrecher im Freistaat Bayern erheblich schwerer als in den anderen Bundesländern? Landesinnenminister Joachim Herrmann (CSU) führt das auf eine Null-Toleranz-Strategie gegen jede Art von Rechtsbruch und eine starke Präsenz der Polizei zurück. „Mehr Polizeipräsenz bringt sehr viel, auch für das Sicherheitsgefühl der Bürger“, sagte Herrmann. Der Freistaat habe 1750 neue Polizeistellen geschaffen und im vergangenen Jahr zusätzlich 350 Stellen für Auszubildende.